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Elternlose Kinder retten die Welt. Oder: Müssen Helden Waisen sein?

vor 5 Tagen
11 Min. Lesezeit

Waisen scheinen in der Fantasy omnipräsent. Das berühmteste Beispiel dürfte wohl Harry Potter aus der gleichnamigen Buchreihe sein. Warum hat die fantastische Literatur eine derartige Vorliebe für elternlose Held:innen? In diesem Artikel stelle ich euch die Hintergründe vor.


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Ein Held wird man per Geburt. Zumindest ist es in der Literatur oftmals so. Das Waisemotiv gibt es jedenfalls in verschiedenen Kulturkreisen und es ist uralt. Denken wir nur an den biblischen Moses: Ausgesetzt in einem Körbchen, allein im Fluss, gefunden von einer Königstochter, mit einer geheimen Herkunft, die alles verändern wird. Es gibt zahlreiche Beispiele für Heldengeschichten, die so oder ähnlich ablaufen.


In der modernen Fantasy ist manches ein bisschen anders – aber in vielerlei Hinsicht hat sich das Narrativ erhalten und ist nach wie vor stark präsent. Dass Waisenfiguren so beliebt sind, liegt aber nicht nur an ihrem potenziellen Heldenstatus, sondern es ist auch ein Mittel, die Handlung eines Romans plausibel zu machen. Im Folgenden die Gründe.


Die ungewöhnliche Geburt des Helden


Beginnen wir zuerst mit einem Archetypus: Schon in der mittelalterlichen oder noch älteren Literatur stehen Helden (nicht gegendert, da immer Männer) gerne mal alleine da. Das beginnt schon bei Geburt: Diese ist außergewöhnlich schwer und wird von dramatischen äußeren Umständen wie einem Sturm oder Gewitter (alternativ einer ungewöhnlichen Stille) begleitet. Dadurch wird in der Logik der Geschichte angezeigt, dass hier gerade etwas Besonderes passiert. Denn die typischen Heroen dieser Erzählungen müssen sich nicht erst entwickeln, sondern sind von Anfang an perfekt. Will heißen: Sie sind von Anfang an Helden, schon bei der Geburt. Vermutlich schon im Bauch.


Wenn die Geburt entsprechend dramatisch ist, kann es natürlich gut passieren, dass die Eltern diese nicht überleben. Das betont natürlich noch einmal die herausragende Rolle des Helden – ein echter Heros muss schwer zu gebären sein! Dazu kommt, dass eine solch übermächtige Figur ja ohnehin keine Beschützer:innen braucht. Dieser Logik folgend würde die Einbindung in eine liebevolle, unterstützende Familie die Leistung ja eher schmälern. Also weg damit.


Denken wir an den Helden Siegfried. Bekannt ist er aus dem "Nibelungenlied". In dieser Version des Stoffes ist seine Herkunft weniger dramatisch, er ist einfach ein Königssohn und seine Geburt wird nicht thematisiert. In anderen Versionen aber wie der nordischen "Thidrekssaga" flieht seine Mutter Sisibe schwanger in den Wald. Sie bringt Sigurd (wie Siegfried hier heißt) in der Wildnis zur Welt, während um sie herum gekämpft wird, wirft das Neugeborene in einem Gefäß in den Fluss und stirbt. Als das Baby angespült wird, kommt eine Hirschkuh und säugt es. Ein Schmied findet schließlich das Kind, das bald zum Drachentöter werden wird, und zieht es auf. In Richard Wagners Variante "Der Ring des Nibelungen" wird der Geburt dann auch noch ein dramatisches Gewitter hinzugefügt.


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Ein berühmtes modernes Beispiel eines Helden mit dramatischer Geburt ist Rand al'Thor, der Protagonist der Reihe "Das Rad der Zeit" von Robert Jordan. Seine Herkunft ist eines der Geheimnisse des Romans. Ich werde sie im Folgenden ein kleines bisschen spoilern. Ihr seid hiermit gewarnt. Ausführlich beschrieben wird Rands Geburt im Prequel-Roman "Der Ruf des Frühling". Und die könnte dramatischer nicht sein: Sie findet statt an den Hängen des Drachenbergs. Ja, die hochschwangere Mutter steigt mal eben mit Wehen einen Berg rauf (nicht ganz freiwillig, aber trotzdem). Dort wird sie angegriffen und metzelt mehrere Feinde auf einmal nieder. Na ja, wer selbst schon mal schwanger war oder näher mit einer schwangeren Person zu tun hatte, findet das womöglich eher unwahrscheinlich. Sie siegt, wird aber tödlich verwundet. Dann schleppt sie sich in den Schnee, wo ein heftiger Sturm tobt. In diesem wird Rand dann geboren. Übrigens bekommt eine Seherin davon Wind – und stirbt dann sogleich bei Rands erstem Schrei.


Bei der Geburt des prophezeiten Helden werden hier also wirklich alle Register gezogen: ein Kampf, der Tod der Mutter, ein Sturm und dann auch noch eine tote Seherin. Ein Motiv davon hätte schon gereicht, um Rands Heldenstatus zu betonen, aber der Roman spielt gleich mehrere aus. Er stellt sich damit in die Tradition klassischer Heldenerzählungen. Wie schon im Mittelalter geht es hier nicht um Plausibilität. Angesichts der Darstellung könnte man gravierende Recherchefehler bezüglich Schwangerschaft und Entbindung unterstellen – aber der Roman will ja gar nicht realitätsnah sein. Er will übersteigern, eine außergewöhnliche Heldengeschichte erzählen. Und dafür spielt er mit vollem Einsatz.


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Übrigens ganz genau dasselbe Motiv: Daenerys "Sturmtochter" Targaryen aus "Das Lied von Eis und Feuer". Auch bei ihrer Geburt wütet ein beispielloser Sturm, die Mutter überlebt die Geburt nicht und Deanerys wird zur zentralen Heldenfigur der Reihe, die auf ganz Essos politische Systeme umstürzt und sich über Grenzen hinwegsetzt.


Während bei Rand der Waisenstatus aus mehreren Gründen wichtig ist (und diese folgen gleich weiter unten im Artikel) steht bei Daenerys wirklich nur die Heldengeburt als Vorausdeutung im Zentrum. Denn sie behält noch Familie (ihren Bruder), sie weiß um ihre Herkunft und sie ist in der Reihe bestenfalls ganz am Anfang Außenseiterin, vielmehr aber begehrte Prinzessin und später Khaleesi oder Königin.


Eine Variante der Heldengeburt findet sich auch bei Jon Schnee (Achtung, gigantischer Spoiler!): Er wird während eines Kampfes in einem Turm geboren, in den seine Mutter geflohen ist. Sie stirbt natürlich. Auch Jon, die zweite zentrale Figur der Reihe, ist also von Anfang an als Held gekennzeichnet. Und hier spielt die geheime Herkunft, auf die ich weiter unten eingehe, auch eine zentrale Rolle (was wir allerdings nur aus der Serie "Game of Thrones" wissen – die Bücher sind noch nicht so weit).


Ein schnelles Erwachsenwerden


Wer liebevolle Eltern hat, wird behütet (egal, ob leibliche oder Adoptiveltern). Wer diesen Familienrückhalt nicht hat, muss vermutlich schneller erwachsen werden. Die Welt verliert schon in den Kinderjahren ihren rosaroten Schleier und schmiedet eine Persönlichkeit, die gelernt hat zu kämpfen, sich nicht auf andere, sondern nur sich selbst zu verlassen und dadurch hart und tatkräftig ist.


Nun, dass das die Realität abbildet, dürfte bezweifelt werden. Die Psychologie hat inzwischen bewiesen: Ein Trauma macht nicht stärker. Allerdings hält sich hartnäckig das Narrativ, dass dem so wäre.


Dass man, wenn man auf sich allein gestellt ist, allerdings lernen muss, damit auch umzugehen und entsprechend schneller unabhängig wird, ist nachvollziehbar. Die Literatur macht sich das zunutze.


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In Scott Lynchs Reihe um "Locke Lamora" geht es um den gleichnamigen Dieb. Er hat schon mit fünf Jahren (oder früher?) seine Eltern verloren und anschließend allein auf der Straße gelebt und vor allem überlebt. Das ging nur mit Intelligenz und sehr viel Talent für Täuschung. Diese Umstände sorgten aber auch dafür, dass Locke in diesem Alter zwar in vielerlei Hinsicht unwissend, aber doch abgebrüht war. Denn der Tod steht in Camorr an der Tagesordnung: Sei es durch Seuchen, sei es durch Verbrecherbanden, sei es durch das Gesetz. In vielerlei Hinsicht legt Locke daher schon früh die Skrupel ab. Und diese Vergangenheit macht ihn später zu einem Meisterdieb ohnegleichen. Locke ist also kein typischer Held und sein Waisenstatus hat nichts mit Auserwähltheit zu tun, sondern erklärt einfach nur den harten Weg, den er gehen musste. Deswegen gibt es hier auch keine Heldengeburt und Co.


Die allermeisten Protagonist:innen, die Dieb:innen oder Assassin:innen sind, dürften eine Straßenkindvergangenheit haben und entsprechend auch Waisen sein. Dieses Motiv zieht sich konsequent durch, weil es die naheliegendste Erklärung ist, dass jemand diesen Weg beschreitet – und es gleichzeitig als Rechtfertigung dient. Es bedarf einer schweren Vergangenheit, um bei den Leser:innen Empathie zu wecken. Denn ohne das Elend in der Kindheit würden die Rezipient:innen vermutlich verurteilen. Würde jemand aus einer liebevollen Familie stammen und hätte tatsächlich die Wahl, alle möglichen anderen Wege zu beschreiten, wäre es schließlich verwerflich, sich dafür zu entscheiden, Straftaten zu begehen. Wenn die Leser:innen aber Mitleid empfinden, wenn der Weg unausweichlich erscheint, sieht das Ganze schon anders aus. Und so dient das Waisenmotiv auch dazu, einen bestimmten Typus an Charakteren überhaupt salonfähig zu machen.


Ein Aufruf zum Aufbruch


Wenn man ohnehin keine liebevollen Eltern hat, was hält einen dann noch in diesem Leben? Für das Waisenkind ist es einfacher, alles hinter sich zu lassen und sich auf eine ungewisse Reise oder in ein völlig neues Leben zu begeben. Das Waise-Sein wird oft also auch simpel für die Logik genutzt: Wenn die gefährliche Reise plotrelevant ist, wird es schwierig, sie zu rechtfertigen, wenn die Hauptfigur dafür geliebte Menschen zurücklassen muss und weiß, dass sie diese womöglich nie wieder sieht. Wer würde das tun? Nein, das ist unplausibel. Da bleibt man doch lieber daheim und alles geht seinen gewohnten Gang. Außer: Zack, Waisenkind. Keine relevanten Bindungen, kann super wegrennen.


Und praktischerweise müssen bei Waisenkindern die Eltern auch nicht mehr in die weitere Handlung eingebunden werden. Steht ein Abenteuer vor der Tür, gibt es niemanden, der zurückhält, niemanden, der sich Sorgen macht, niemanden, der riskante Aktionen verbietet, niemanden, vor dem man sich rechtfertigen müsste. Womöglich sind Waisenkinder als die einzigen Kinder, die tatsächlich gefährliche Abenteuer (über unabsichtliche Episoden hinaus) erleben können.


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Fang Runin aus "Im Zeichen der Mohnblume" ist so ein Beispiel. Sie lebt bei Adoptiveltern, die sie als billige Arbeitskraft missbrauchen und sie setzt alles daran, diesem Leben zu entkommen. Der Weg, den sie geht: Die unwahrscheinliche Aufnahme an einer Eliteakademie für angehende Generäle. Stellen wir uns die Geschichte vor, wenn Rin keine keine Waise gewesen wäre, sondern aus einer der betuchten Familien stammen würde, die in der Regel die Schüler der Akademie stellen: Hätte sie einen entsprechenden familiären und finanziellen Rückhalt und wäre entsprechend von Klein auf gefördert worden, wäre ihre Leistung weniger wert. Sie hätte außerdem kaum den Antrieb, derart zu kämpfen, denn wenn es mit der Akademie nicht klappt, warten da viele andere attraktive Wege auf sie, die sie einschlagen könnte. Die Geschichte funktioniert also gerade wegen der Fallhöhe so gut: Andere würden nur ein bisschen etwas verlieren, wenn es nicht klappt. Rin aber alles. Das erhöht die Spannung und erklärt das oftmals extreme und durchaus zerstörerische Handeln der Figur.


Abgesehen davon dürfte kaum überraschen, dass Rins Herkunft auch plotrelevant ist (zu dieser Funktion weiter unten mehr).


Außenseitertum


Wer Waise ist, lebt nicht das, was sich die allermeisten unter einem "normalen" Leben vorstellen. Dieser Mangel an etwas, das für so ziemlich alle Gleichaltrigen selbstverständlich ist, macht schnell zum Kuriosum, schlimmstenfalls zum Außenseiter. In der Realität mag das belasten – für Geschichten ist es aber gut! Denn Außenseiter sind die interessanteren Figuren. Wer will schon Geschichten über Mainstream-Figuren lesen? Das ist doch langweilig. Leser:innen suchen das Besondere – und finden es in heldenhaften Außenseiter, die entgegen aller Widrigkeiten etwas vollbringen, das ihnen niemand zugetraut hätte.


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Dass Harry aus "Harry Potter" ein Außenseiter ist, ist das zentrale Element der Geschichte. Harry ist zum Helden geboren, aber er wird nie als klassischer Held gezeigt: eben weil er nicht perfekt ist. Er ist ein normaler Junge, den das Schicksal gestraft hat und der unfreiwillig immer außerhalb der Norm steht. Das Außenseitertum Harrys führt einerseits zu negativen Erfahrungen wie Mobbing, Voruteilen, Ungerechtigkeiten. All das hält die Spannung kontinuierlich hoch und bindet die Leser:innen emotional ein – denn sie verstehen, dass hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist und das berührt. Andererseits erfüllt das Außenseitertum aber auch die Sehnsucht nach Größe, nach etwas Besonderem, nach Schicksal. Es erfüllt die Hoffnung, dass es für den vermeintlich komischen Kauz Erlösung gibt, dass er in Wirklichkeit sogar besser ist als diejenigen, die ihm Unrecht zufügen. Dass gerade die Unterdrückten die wahren Helden sind. Dass sie irgendwann die Anerkennung bekommen, die ihnen zusteht. Derartige romantische Vorstellungen berühren viele Leser:innen, weil sie sich wiederfinden. Außenseiter zu sein, ist eine menschliche Urangst – denn Menschen sind Herdentiere und überleben nur in der Gruppe. Zweifelsfrei ist jeder schon einmal mit dieser Angst in Kontakt gekommen. Es tut gut, sich vorzustellen, dass die Angst unbegründet ist, dass der Mangel in Wirklichkeit eine Auszeichnung ist, dass sich mit der Zeit doch alles zum Guten wendet. Deswegen funktioniert dieses Muster so gut.


Die besondere Herkunft


Viele Held:innen starten in einem Umfeld, indem sich ihr Heldentum erstmal nicht entwickeln kann: als Bauernjungen, Straßenkinder oder Töchter aus einfachen Verhältnissen. Dramaturgisch ist das sinnvoll: Der Aufstieg wirkt umso stärker, je höher die Treppe hinaufführt.


Nun ist es aber so, dass es der Plot oft erfordert, diesen Figuren einen Zugang zu Macht zu gewähren, der Bauernkindern in der Regel nicht offensteht. Der Waisenstatus wird damit zur perfekten Lösung, um diese Lücke zu schließen: Es gibt eine geheime und besondere Herkunft, die als Eintrittskarte in neue Sphären dient. Der vermeintliche Bauernjunge ist eigentlich ein Königssohn, die einfache Tochter hat Fabelwesenblut in den Adern und das Straßenkind ist Erbe von außergewöhnlicher Magie.


Die Held:in zu einer Waise zu machen, ist ein erzählerischer Kniff, der es ermöglicht, das Beste aus beiden Welten zu bekommen: die Geschichte aus einem unspektakulären Umfeld heraus starten zu lassen und trotzdem an die Höfe der Herrscher:innen zu gelangen.


Warum dieses Motiv so beliebt ist, liegt sich auch an seinem Identifikationspotenzial: Die meisten Leser:innen werden selbst nicht aus den Kreisen der Reichsten und Mächtigen stammen und sich selbst eher in einem "normalen" Leben sehen. Die Vorstellung, dass das aber nur Schein ist, dass man in Wirklichkeit auserwählt ist, dass da mehr in einem steckt – und dass ein paar geheime Gene reichen, um gesellschaftlich aufzusteigen, dass man nichts leisten muss, um plötzlich angesehen zu sein, außer die richtige Abstummung zu haben ... Das ist schon alles sehr verlockend. Es ist ein eskapistischer Traum, der sich hier verbirgt: Schließlich ist es doch so viel einfacher, wenn sie plötzlich ein geheimes Erbe offenbart, als die harte Schule des Lebens zu nehmen. Aus denselben Gründen träumen Menschen vom Lottogewinn.


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Ein Beispiel für ein Buch, das diese Thematik ausführlich bedient ist Christopher Paolinis Vierbänder "Eragon". Eragon, der Protagonist, wächst im kleinen, unbedeutenden Dorf Carvahall in einfachen Verhältnissen auf. Dass der Mann, der ihn aufzieht, nicht sein Vater ist, weiß Eragon aber im Gegensatz zu seinen vielen literarischen Geschwistern, durchaus. Wer genau aber seine Eltern sind, bleibt lange ein Geheimnis. Nun ist es so, dass Eragon plötzlich ein Drachenei findet und dadurch zum Drachenreiter wird. Er wird Angelpunkt eines Umsturzes sein, der das ganze Reich erschüttert und den dunklen Tyrannen entmachtet. Eragon ist etwas Besonderes: Und das zeigt sich wie auch oben schon bei Rand al'Thor in seiner Herkunft. Denn wie sich herausstellt, ist er gar kein Bauernsohn, sondern das Kind einer gefürchteten Attentäterin und eines mächtigen Drachenreiters und Rebellenführers. In dessen Fußstapfen wird Eragon treten. Seine Herkunft ist Spannungselement, sorgt für Charakterentwicklung und plausibilisiert Eragons' Status.


Und um das Beispiel von oben nochmal aufzugreifen: Auch Rand al'Thor wird nur durch seine Herkunft überhaupt erst fähig, zum Anführer eines Volkes aufzusteigen. Als Bauernjunge allein wäre ihm das nie geglückt. Als Erbe eines Anführers aber sehr wohl


Genauso Rin aus "Im Zeichen der Mohnblume": Ihr Herkunft bemächtigt sie, eine bestimmte Art von fast vergessener Magie zu wirken. Und so wird sie vom ärmlichen Mädchen zu einer Anführerin. Interessanterweise wird das Geheimnis ihrer Eltern aber tatsächlich nie vollständig aufgedeckt. Es gibt Andeutungen, aber keine eindeutige Auflösung, keine echte Konfrontation. Hier bricht das Buch definitiv mit der Tradition.


Daenerys und Jon (Spoiler!) sind ebenfalls beide Königskinder. Während es bei Daenerys von vornherein klar ist, ist die Aufdeckung von Jons Herkunft allerdings eine der zentralen Enthüllungen der Serie, die dem Konflikt ein ganz neues Ausmaß verleiht.


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Verwendet habe ich das Motiv in meiner Trilogie tatsächlich auch. Bei mir gibt es allerdings keine richtigen Held:innen, sondern nur Menschen mit eigennützigen Absichten. Entsprechend kommen auch keine Heldengeburten vor und das ganze Konzept ist mehr oder weniger entzaubert. Aber es gibt eben doch Enthüllungen, die zentral sind, um die Handlung voranzutreiben. Denn durch die Aufdeckung der Herkunft verschieben sich Loyalitäten und das ist natürlich entscheidend, wenn es um Adelsfamilien geht.


Der Waisenstatus an sich ist also irrelevant. Das Aufwachsen wird nicht geschildert, die Charaktere sind längst erwachsen. Entsprechend müssen auch die Eltern nicht beiseitegeschafft werden und es gibt auch keinen Grund, sich von ihnen emanzipieren zu müssen, um die Handlung in Gang zu bringen. Außenseiter sind die Figuren auch nicht, sie haben ihren Platz längst gefunden. All diese klassischen Strukturen bedient die Trilogie nicht. Die Herkunft ist (ähnlich wie bei Jon Schnee aus "Das Lied von Eis und Feuer") schlicht eines der Geheimnisse, die nach und nach aufgedeckt werden, und zwar eines, das einiges Konfliktpotenzial birgt.


Die erzählerische Notwendigkeit des Motivs


Wir sehen also, es existieren einige erzählerische Gründe, Protagonist:innen zu Waisen zu machen. Es gibt sehr viele Romane, die die einzelnen Aspekte, die ich genannt habe, allesamt durchspielen. Andere nutzen nur einzelne davon wie etwa das schnelle Erwachsenwerden durch das harte Leben auf der Straße, das Außenseitertum oder die verborgene Herkunft. Klassische Held:innengeschichten und/oder Jugendliteratur neigen eher dazu, die volle Bandbreite auszuschöpfen, denn hier ist das Aufwachsen ein wichtiger Teil der Handlung und muss entsprechend miteingebunden werden. Diebes- und Assassinenfantasy benötigt das Narrativ oft nur als Backgroundstory. Politische Fantasy um Macht und Intrigen wiederum braucht das Motiv nur für Erbkriege in der Handlung. Das Waisenmotiv kann entsprechend ein nützliches Werkzeug sein und wird sich weiterhin in Fantasyliteratur halten.




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