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  • Writer's pictureKornelia Schmid

Wie lange schreibt man an einem Roman? Ein Erfahrungsbericht

Mein erster Roman ist ein dickes Buch. Es gibt dickere auf der Welt. Aber die 500 Normseiten sind schon ganz ordentlich. Wie lange braucht man also, um diese zu Papier zu bringen? Eine pauschale Antwort ist schwierig. Klar ist aber: viel länger als beim zweiten Mal.


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"Das Licht aus dem Nebel" zu schreiben hat zehn Jahre gedauert. Das lag aber nicht an der Seitenzahl. Ich bin im Grunde eine schnelle Schreiberin und habe bereits Manuskripte mit ähnlicher Länge in drei Monaten fertiggestellt (ein Hoch auf die freie Zeit zwischen Abi und Studium). Woran lag es also, dass dieser Roman nicht so locker von der Hand ging?


Viele Perspektiven – viel Planung


Eine komplexe Handlung mit sieben Perspektiven, die am Ende alle unter einen Hut gebracht werden wollen, erfordert Planung. Es wäre unmöglich, einfach drauf los zu schreiben und zu schauen, wohin sich alles entwickelt – sonst verheddert man sich übel. Jedes Kapitel immer wieder auf mehrere andere abzustimmen, bremst natürlich die Geschwindigkeit. Vor allem dann, wenn es nicht funktioniert. Das heißt konkret: die erste Fassungen (und ehrlich gesagt auch die meisten, die danach kamen), haben mir überhaupt nicht gefallen. Die Handlung schien platt, viel zu schnell durchgepeitscht und die Welt farblos. Als erstes habe ich einige der Figuren gestrichen (ja, es waren früher noch mehr). Dadurch haben sich die Beziehungen der übrigen zueinander verändert und dadurch auch die Handlung. Überarbeiten hilft in einem solchen Fall nicht mehr, um den Text zu retten. Neu schreiben ist angesagt.


Aus einem Buch werden drei


Man könnte nun meinen, die Streichung der Figuren würde zu einer Verkürzung des Textes führen. Genau das Gegenteil war der Fall. Mit weniger Charakteren ging die Handlung nun mehr in die Tiefe und der Roman wurde deutlich länger. Tatsächlich waren einige Charaktere vorher eher passiv unterwegs. Nachdem sie nun einen größeren Teil der Handlung stemmen mussten, wurden sie zu aktiv Handelnden (was dem Spannungsbogen natürlich gutgetan hat).


Meine Devise war außerdem immer: ein Text muss atmen können. Am Anfang war das nicht der Fall. (Und das ist tatsächlich auch der Grund, warum bei mir jeder Text durch die Überarbeitung länger und nicht kürzer wird.)


Anstelle eines Romans, der in drei Teile untergliedert war, sollte das Konzept nun in drei Bänden umgesetzt werden. Diese sollten zwar alle aufeinander aufbauen, gleichzeitig aber auch eine eigene, runde Handlung besitzen. Deswegen habe ich ein paar neue Aspekte mit aufgenommen, die es vorher noch nicht gab. Dabei ging es vor allem darum, die Bezüge klar herauszuarbeiten und die Strukturen aneinander anzupassen.


Das Setting braucht mehr Farbe


Mir ging es nie ums Worldbuilding. Die Welt dient den Figuren und nicht umgekehrt. Doch ich muss zugeben: Am Anfang hat sie ihnen schlecht gedient. Denn sie war farblos und ließ keine Stimmung aufkommen, keine Bilder entstehen. Das ist verschenktes Potenzial. Also habe ich alle Schauplätze neu designt. Auch das hatte natürlich Auswirkungen auf die Handlung und hat für ein paar neue, bereichernde Ideen gesorgt. Hinzu kam dabei auch eine Prise Geheimnis, die ein paar verborgene Türen geöffnet hat (und mir endlich den Schlüssel für einen passenden Titel in die Hand gegeben hat).


Wie oft muss man überarbeiten?


Viele Veränderungen machten es notwendig, den Text neu zu schreiben (der zumindest Teile davon). Auf neu Geschriebenes folgten Überarbeitungsdurchgänge. Tatsächlich habe ich nicht mitgezählt, wie oft ich diesen Roman neu aufgesetzt habe. Und tatsächlich habe ich auch nie einen Zustand erreicht, der wirklich perfekt gewesen wäre. Was ich aber erreicht habe: eine Fassung, die ich guten Gewissens veröffentlichen kann. Denn letztlich hätte ich den Text auch noch hundermal überarbeiten können. Hätte das ihn noch besser gemacht? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Irgendwann ist die Zeit reif, um loszulassen. Also habe ich beschlossen: "Das Licht aus dem Nebel" ist nun fertig – einschließlich des neuen Titels, versteht sich. (Meine ursprünglichen Überlegungen enthielten Schlagworte wie "Thron", "Blut", "rot" und "Herrscher", aber etwas Individuelles und Klangvolles kam nie dabei heraus.)


Band 2 und Band 3: Projekte für ein paar Monate


Als Band 1 endlich fertig war, war gleichzeitig auch der Knoten gelöst. Das Figurenpersonal war festgesetzt, das Setting ausgearbeitet, der Handlungsbogen definiert und der Konflikt ins Rollen gebracht. Sowohl "Das Licht im Sand" als auch "Das Licht hinter dem Wind" ließen sich in einem Rutsch innerhalb eines Jahres schreiben und überarbeiten.


Ich glaube kaum, dass ich noch einmal zehn Jahre an einem Projekt sitzen werden. Das liegt sicher auch daran, dass ich in dieser Zeit viel Erfahrung angesammelt habe und in bestimmte missliche Schreibsituationen und Sackgassen gar nicht mehr geraten würde. Ich weiß nun besser, worauf ich von vornherein achten muss und ich habe außerdem meinen Stil gefunden und gefestigt. Und auch wenn ich mir oft gewünscht hätte, dass dieser Text eine Verlagsheimat findet, bin ich inzwischen froh, dass die aktuelle Fassung gedruckt wurde und nicht irgendwelche der vorherigen. Denn ja, ich hatte den Roman zuvor schon bei Verlagen eingereicht und Absagen bekommen. Für mich war das ein klares Signal, dass ich noch besser werden muss.


Insofern: Dranbleiben lohnt sich und es lohnt sich definitiv auch, kritisch mit sich selbst ins Gericht zu gehen. Ist das wirklich das Beste, was ich abliefern kann oder geht da noch mehr? Wenn noch mehr geht, sollte man weitermachen. Wenn man jedoch guten Gewissens sagen kann: Ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich alles Mögliche getan habe und jetzt fällt mir wirklich nichts mehr ein, dann ist es auch Zeit, den nächsten Schritt zu gehen. Freilich könnte man trotzdem noch ewig am Stil feilen, aber das hätte zur Folge, dass niemals irgendetwas veröffentlicht werden würde. Zu viel Perfektionismus führt schnell zu Stillstand. Also immer dynamisch bleiben.

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