Iss mal Brokkoli. Oder: Beliebte Recherchefehler in High Fantasy
- Kornelia Schmid

- vor 6 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Viele High-Fantasy-Romane spielen in Welten, die vom europäischen Mittelalter inspiriert sind. Natürlich heißt das nicht, dass sich Autor:innen akribisch an die historischen Voraussetzungen halten müssen. Dennoch sollten sie bedenken, dass manche Änderungen schnell inkonsistent wirken. In diesem Artikel konzentriere ich mich auf Gemüse. Guten Appetit!

High Fantasy ist immer Mittelalterfantasy? Ein Klischee, das so definitiv nicht stimmt. (Mehr dazu übrigens hier: https://www.kornelia-schmid.de/post/warum-high-fantasy-eben-nicht-immer-im-mittelalter-spielt.) Richtig ist aber, dass es schon sehr viele Romane gibt, die dieses Setting bedienen oder die zumindest nicht weit weg davon sind (nämlich in der Frühen Neuzeit). In diesem Artikel gehe ich deshalb einfach mal vom europäischen Mittelalter als historische Vorlage aus.
Wer eine Fantasywelt erschafft, hat natürlich die Möglichkeit, die Realität zu verbiegen. Das Problem dabei: Leser:innen haben bestimmte Zusammenhänge im Kopf, wenn sie lesen. Bricht man mit diesen, muss man es gut und plausibel machen, damit die Leser:innen auch mitgehen. Und bricht man alles und überall, kann das durchaus dazu führen, dass Leser:innen aussteigen.
Autor:innen sollten in meinen Augen nur dann geläufige Zusammenhänge aushebeln, wenn es der Geschichte nützt. Ganz sicher ist, weil man keine Lust auf Recherche hat oder weil es mal eben "cool" wirkt. Das sind beim Schreiben keine tragfähigen Argumente! Und natürlich macht bei den Brüchen auch die Dosis das Gift. Wenn ich nun als von "Recherchefehlern" schreibe, meine ich damit also Abweichungen von der historischen Realität, die unter Umständen für Irritation sorgen können, wenn sie nicht näher erklärt werden.
Essen für die Atmosphäre
Und ein Klassiker dabei ist in meinen Augen: Gemüse. Ist das nicht unwichtig?, fragt ihr. Nein, keineswegs, sage ich. Denn solche Details machen eine Welt erst lebendig. Der Vorteil an der Beschreibung von Essen ist: Speisen sind vielfältig erfahrbar. Man sieht sie, man riecht sie, man schmeckt sie. Man spürt die Hitze oder wie die Soße über das Kinn rinn. Man hört das Brutzeln in der Pfanne. Wenn eine Autor:in es geschickt anstellt, spricht eine Essensbeschreibung in einem Text tatsächlich alle Sinne an. Und was sonst kann das schon leisten?
Wenn es also darum geht, Atmosphäre zu erzeugen, sind Essensbeschreibung eine gute Möglichkeit, Leser:innen ins Setting zu holen. Selbstverständlich sollte man es nicht übertreiben: Ein Roman ist kein Kochbuch. Aber einige wohlplatzierte Mahlzeiten können viel bewirken.
Das Gemüse der Gegenwart
Nun gehen Autor:innen bei solchen Beschreibungen natürlich erst einmal von ihrer eigenen Lebenswelt aus. Klar, wie soll man auch einen Geschmack beschreiben, den man selbst gar nicht kennt? Und wenn das Buch in einem Landstrich spielt, der Deutschland oder Mitteleuropa in der Vergangenheit sein könnte, gehen wir schnell davon aus, dass das Gemüse, das wir jetzt als typisch für unsere Heimat empfinden, auch damals schon typisch war. Nun, so ist es aber nicht.
Was denkt ihr also, haben die Menschen im Mittelalter gegessen: Kartoffeln? Radieschen? Kopfsalat? Klingt doch urdeutsch, oder nicht? Nun, das sind alles Lebensmittel, die es damals nicht gab. Deswegen rate ich dazu, sie nicht zu verwenden.
Die Herkunft von verschiedenem Gemüse
Also, was gab es in Deutschland (wobei die Bezeichnung ja auch nicht passt, aber man verzeihe mir) im Mittelalter?
Es gab: Erbsen, Kohl, Rüben, Zwiebeln.
Was gab es damals nicht? Viel. Richtig viel.
Gemüse aus Amerika
Kartoffeln, Tomaten, Mais, Paprika, Kürbisse. All das sind Lebensmittel, die aus der Neuen Welt eingeführt wurden. Es gab sie hier nicht, bevor Amerika entdeckt wurde, folglich auch nicht im Mittelalter. Wollt ihr sie verwenden, wäre es plausibel, das in einem Setting zu tun, das entweder amerikanisch inspiriert ist oder in der Frühen Neuzeit oder später spielt und gegebenenfalls auch eine Kolonialisierungs- oder Globalisierungsthematik hat.
Auch Zucchinis wurden übrigens erst in 17. Jahrhundert gezüchtet und zwar aus dem aus Amerika stammenden Gartenkürbis.
Ich lese sehr oft von Kartoffeleintöpfen, die in Fantasy-Gasthäusern serviert werden. In meinen Augen hat das Lieblingsgemüse der Deutschen da aber wenig verloren. Natürlich könnt ihr argumentieren, dass ihr das Essen eurer Welt an heutige Gewohnheiten angepasst habt, um die Welt erfahrbarer zu machen. Nun, womöglich funktioniert das auch für ein paar Leser:innen. Für diejenigen mit historischem Hintergrundwissen aber vermutlich eher nicht so gut. Denn für die fühlt es sich wie ein Bruch an. Wenn ihr die Kartoffeln behalten wollt, dann überlegt euch also genau, welche Funktion sie in ihrem Roman erfüllen. Und wenn ihr darauf keine Antwort habt, dann tauscht sie doch besser durch Rüben aus – mit denen ist man auf der sicheren Seite.
In "Das Licht aus dem Nebel" habe ich mir tatsächlich einen solchen Bruch geleistet. Die Stadt Sasberg liegt auf einem Hügel. Typisch sind dichte Nebelschwaden das ganze Jahr über. Umgeben ist sie von Terrassenfeldern, auf denen Gemüse angebaut wird. Der Ort ist also düster und feucht. Es gibt mehrere Gründe, warum hier keine Kürbisse wachsen sollten. Der eine ist, dass es das tendenziell eher europäische Setting nicht hergibt. Der andere ist, dass das Wetter für sie nicht unbedingt ein Vorteil ist.
Dennoch habe ich mich dazu entschieden, sie hier wachsen zu lassen. Und das lag daran, dass die Assoziationen, die Leser:innen mit Kürbissen haben werden, die Gegenargumente überlagern. Denn was sind die typischen Assoziationen? Richtig: Herbst, Halloween, Geister, Grusel. Und tatsächlich ist Sasberg ein Herbst-Geister-Halloween-Ort. Die Stadt ist magisch, auf eine unheimliche Art und Weise. Aber auch nicht zu unheimlich, es ist schließlich kein Horrorroman. Halloween und Herbst also, was von den meisten Leuten zwar mit Düsternis und Grusel assoziiert wird, allerdings auf eine wohlige Art und Weise und nicht mit echter Angst. Die Kürbisse von Sasberg sind nur ein winziges Detail, das in diese Richtung verweist. Aber auch Details haben eine Wirkung. Und deswegen sind die Kürbisse da. Obwohl sie eigentlich nicht logisch sind. Eine Absage an die Logik – zugunsten der Atmosphäre.
Gemüse aus Griechenland
Zurück zum fremden Gemüse. In diesem Abschnitt: Griechenland. Das ist sicher näher als Amerika. Trotzdem ist es vielleicht nicht unbedingt der Ort, von dem die Menschen eurer Welt fröhlich Gemüse importieren. Wir sprechen von: Brokkoli und Blumenkohl.
Tja, auch wenn Kohl bei uns heimisch und beliebt war, so eben nicht dieser Kohl. Er hat es wohl erst im 15. Jahrhundert nach Italien geschafft und noch später zu uns. Wenn ihr sagt, euer Roman ist ans 15. Jahrhundert angelehnt, dann könnt ihr euch natürlich überlegen, ob ihr diese neumodischen Stile trotzdem auf den Tisch bringen wollt. Womöglich werden es die Leser:innen verzeihen.
Gemüse aus Asien
Dass es hierzulande keine Auberginen gab, könnt ihr euch vermutlich denken. Die stammen aus Asien, kamen schließlich nach Spanien und irgendwann später zu uns. Was euch aber vielleicht überrascht: Spinat. Tatsächlich stammt auch Spinat aus Asien und kam erst in der Frühen Neuzeit hierzulande an.
Züchtungen der Frühen Neuzeit oder später
Vieles Gemüse, das wir heute kennen, hat hier in der Gegend womöglich seine Wurzeln, wurde aber erst in der Frühen Neuzeit oder sogar noch später in der heute bekannten Form gezüchtet.
Dazu zählen: Kopfsalat, Radieschen, Rosenkohl, Kohlrabi, Fenchel. Selbst die klassische Karotte in ihrer orangefarbenen Form gab es damals nicht. Allerdings Vorläufer davon, die wild wuchsen. Wenn ihr also einfach von nicht näher definierten "Möhren" schreibt, könnte man das durchgehen lassen (solange sie nicht in großem Stil angepflanzt und geerntet werden). Nehmt am besten einfach Pastinaken. Das waren die Karotten des Mittelalters.
Unbekanntes Gemüse verwenden?
Schreibt ihr nun von Haferwurzel, Gartenmelde, Rübstiel und Wegwarte, wäre das zwar authentisch, aber es birgt leider auch ein Problem: Nur die allerwenigsten Leser:innen werden sich darunter etwas vorstellen können und entsprechend werden dadurch auch keine oder nur wenige Sinne angesprochen.
Das heißt nicht, dass unbekannte Speisen tabu sind. Ich wiederhole mich: Die Dosis macht das Gift. Ein solches Gemüse zwischen anderen bekannten wirkt originell und betont die Einzigartigkeit eines bestimmten Settings. Alle auf einem Haufen sind zu viel.
Praktische Recherche
Nun haben wir aber womöglich immer noch das eingangs erwähnte Problem: Wie soll denn nun ein eingefleischter (Wortspiel beabsichtigt) Kartoffelesser über den Geschmack von Sauerampfer schreiben? Nun, ich fürchte, da hilft nur eines: Recherche. In der Praxis. Also direkt am Teller.
Aber das gilt ja immer: Schreibt nicht ohne Recherche. Denn dadurch entstehen die Probleme überhaupt erst. Man nimmt etwas als gegeben an und verbreitet es weiter, obwohl es eigentlich falsch ist. Die nächste Person schreibt das dann ab. Und je öfter man es liest, desto eher glaubt man daran, dass es tatsächlich so ist. Und ehrlich, ich habe das auch schon gemacht: Ich habe in Büchern so oft gelesen, dass sich Pferde bei Gefahr aufbäumen, dass ich gar nicht mehr hinterfragt habe, ob sie das tatsächlich tun würden. Zum Glück hat mir vor Veröffentlichung eine Reiterin mit Rat beigestanden und das Klischee berichtigt. Aber ich bin sicher, mir ist noch mehr durchgerutscht. Ganz ohne geht's vermutlich nicht. Das muss auch nicht der Anspruch sein. Er sollte aber schon sein: So gut wie möglich.
Niemand wird euren High-Fantasy-Roman wegen einer Kartoffel abbrechen (glaube ich zumindest – wegen der Kürbisse hat sich zumindest noch niemand beschwert). Wenn sich allerdings die Inkonsistenzen häufen, führt das zu Irritationen, stört den Lesefluss, beeinflusst die Wahrnehmung der eigentlichen Geschichte negativ. Also macht es den Leser:innen einfach. Lenkt sie nicht mit Fehlerchen von der Story ab. Sondern gebt ihnen einen gut recherchierten, atmosphärischen Text.
Und allen, die nun gerne mehr über Gemüse im Mittelalter wissen wollen, empfehle ich diese Seite: https://ausgraeberei.de/meine-buecher/kochen-wie-im-mittelalter/lebensmittel-im-hochmittelalter/lebensmittelliste-gemuese/. Da steht sogar was von Obst! Erwähnenswert ist hierbei vielleicht, dass es keine Aprikosen, Erdbeeren und kultivierte Beeren gab. Dass typisches Tropenobst nicht vorhanden war, versteht sich von selbst.
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