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  • Writer's pictureKornelia Schmid

Das Problem mit der Liebe – Beziehungen schreiben

Früher dachte ich, dass ich Liebesromane per se nicht mag. Inzwischen weiß ich, das stimmt nicht. Ich mag einfach keine schlechten Liebesromane, nämlich solche, die vorhersehbar, kitschig und voller fragwürdiger Romantisierungen und Klischees sind. Das Problem scheint im Genre "Romance" leider allgegenwärtig. Doch wie macht man es besser?


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"Toxisch" – das ist gerade ein Trendbegriff in der Populärpsychologie. Man mag die inflationäre Verwendung kritisch sehen, doch vielleicht ist diese einfach nur der Tatsache geschuldet, dass das Wort so gut passt. Wir wehren uns damit gegen festgefahrene Dynamiken, die vor ein paar Jahren noch in Ordnung schienen, sich inzwischen aber immer mehr als das offenbaren, was sie eigentlich sind: destruktiv. In Beziehungen gilt das ganz besonders.


Festgefahrene Genderrollen


Wie hat ein attraktiver Mann zu sein? Selbstbewusst, durchsetzungsfähig, risikobereit. Das sind die Ideale unserer Gesellschaft. Die Schattenseiten sehen wir dabei gerne nach. Was, wenn das Selbstbewusstsein in Egoismus oder gar Narzissmus umschlägt und die Umwelt darunter leidet? Muss man akzeptieren, das ist halt ein Mann. Was, wenn die Durchsetzungsfähigkeit zu Kompromislosigkeit wird und in Übergriffigkeit mündet? Aggression ist Männern angeboren, die können nicht anders – und diese Animalität ist doch irgendwie auch sexy. Was, wenn die Risikobereitschaft selbstzerstörerisch wird? Egal, Männer haben weder auf ihre Gefühle noch auf ihren Körper Rücksicht zu nehmen. Und die Frauen? Na die haben das alles zu akzeptieren. Das ist schließlich attraktiv.


Und wie attraktive Frauen zu sein haben, wissen wir schließlich auch: Sie lieben Ästhetik, sind auf Harmonie und Ausgleich bedacht und bringen ausschließlich Schönheit und Freude in die Welt. Sie sind fürsorglich, kümmern sich liebevoll um ihren Partner und sehen es als Priorität an, seine Bedürfnisse zu erfüllen (die selbstverständlich über ihren eigenen stehen). Sie haben nicht unkonventionell zu sein, dürfen nicht anecken oder vehemment ihre Meinung vertreten (sonst sind sie schließlich Zicken). Wären sie ebenfalls durchsetzungsfähig und risikobereit, würden sie männliches Territorium betreten und das geht ja mal gar nicht. Während der attraktive Mann also als rücksichtloser Zerstörer gezeichnet wird, ist die attraktive Frau schön anzusehen und über alle Maßen leidensfähig. Er ist aktiv, sie ist passiv.


Derartige Dynamiken sind für beide Geschlechter diskriminierend und an dieser Stelle "toxische Männlichkeit" oder "toxische Weiblichkeit" zu rufen, scheint dem Ausmaß der Misere durchaus angemessen. Und vor allem: wie erschreckend ist es, dass im Jahr 2024 immer noch immens viele Romane derartige Zuschreibungen reproduzieren, ja, sogar als Ideale zu bewerten? Wie kann es romantisch sein, Menschen in diskriminierende Rollenbilder zu drängen? Wie kann es attraktiv sein, wenn diese unreflektiert gelebt werden? Genderzuschreibungen als Saat von "toxischen Beziehungen"? Definitiv!


Missbrauch als männlich – Selbstaufgabe als weiblich


Dass missbräuchliches Verhalten in Beziehungen (und in der Regel sind es die Männer, die gegenüber Frauen als übergriffig dargestellt werden) romantisiert wird, ist wohl der Gipfel dieses Liebes-Problemberges (Stichwort: Rape Culture oder ganz einfach "Eigentlich willst du es doch auch"). Verharmloste Vergewaltigungen, Stalking, Kontrollsucht – damit zeigt er doch nur, dass er sie liebt, nicht wahr? Und dass Frauen, wenn sie "nein" sagen, doch eigentlich "ja" meinen, ist schließlich auch etablierte Wahrheit. Und außerdem: Großes Drama gehört einfach dazu, oder? Wo wäre sonst der Beweis für die echte Leidenschaft?


Kommunikation? Fehlanzeige


Aber gehen wir mal nicht vom Worst Case aus, sondern schauen uns Beziehungsdynamiken an, die keine offensichtliche Gewalt zeigen und deren Fragwürdigkeit damit weniger offensichtlich ist. Blicken wir einfach einmal auf die klassische Plotstruktur vieler Romance-Erzählungen:


Kennenlernen

Annäherung

Missverständnis

Versöhnung

Happy End


Das kommt euch bekannt vor? Ja, sehr viele Bücher und Filme funktionieren nach diesem Muster. Das Problem liegt vor allem in der Station "Missverständnis". An diesem Punkt der Geschichte steht eine Autor:in vor der Herausforderung, Spannung zu erzeugen. Wenn das Paar zu schnell zusammenkommt, wo ist dann der Reiz der Geschichte? Also lieber ein paar Hürden einbauen. Und hier machen es sich viele zu leicht. Denn die Hürden sind nur allzu oft Missverständnisse, die aus einer defizitären Kommunikation resultieren. Warum klärt man den bösen Verdacht nicht auf? Warum verschweigt man die eigenen Gefühle? Warum verheimlicht man die Verletzung? Warum versucht niemand, den Konflikt ernsthaft zu lösen?


Und was ist das überhaupt mit dem "Happy End"? Nur zu oft werden dort Personen verkuppelt, die vollkommen unterschiedlich sind. Ein populärer Mythos lautet "Widersprüche ziehen sich an". Nun, anziehend mögen die Widersprüche vielleicht sein – eine Basis für eine langfristig gesunde Beziehung sind sie aber selten. Warum müssen denn Personen, die eigentlich nicht zusammenpassen auch immer ein Happy End bekommen? Und wie geht es danach für sie weiter? Das wird gerne ausgeblendet. Denn die große "Liebesgeschichte" endet mitten in der frischen Schwärmerei und will mit Alltagskonflikten nichts zu tun haben.


Was ist überhaupt Liebe?


"Liebe" - mit diesem Begriff wird gerne um sich geworfen. Und das gilt nicht nur für Fiktion. "Die erste Liebe", "Liebe auf den ersten Blick", "Die unerwiderte Liebe": ja, das klingt alles nett, aber ehrlich, "Liebe" ist das völlig falsche Wort. Beziehungen in jungen Jahren sind in den meisten Fällen aus Unerfahrenheit und Unsicherheit geborene Schwärmereien, die elektrisierende Anziehung beim ersten Zusammentreffen ist vor allem körperlich, und "unerwidert" bedeutet doch, dass es lediglich um Beziehungsfantasien und Projektionen geht. Nichts davon hat irgendetwas mit "Liebe" zu tun, denn tiefere Gefühle entwickeln sich erst mit der Zeit in einer Beziehung – mal früher, mal später. Ich würde es entsprechend begrüßen, wenn das Wort in Texten nicht mehr falsch verwendet wird, ja, man könnte sogar sagen missbraucht wird. Lasst uns nicht mehr "Liebe" nennen, was keine ist. Und bei der Gelegenheit können wir auch gleich die damit einhergehende Verklärung abschaffen.


Wer darf lieben?


Man sollte meinen, jeder darf lieben. Analysiert man jedoch Literatur und Film scheint es eher so, als stünde dieses Privileg nur jungen, normschönen (und zumeist natürlich weißen) Menschen zu. Selbst, wenn wir "jung" einmal großzügig weglassen: normschön bleibt. Ja, es gibt bestimmte ästhetische Vorlieben, über die sich eine Mehrwert der Menschen einig sein dürfte. Doch selbst, wenn wir uns darauf einigen können, dass manche Leute eher schön und andere es eher weniger sind, sagt das rein gar nichts über ihre Attraktivität aus. Um attraktiv zu sein, muss man weder jung noch normschön sein. Es gibt viele Faktoren, die Menschen auf andere anziehend wirken lassen: Eloquenz, Humor, Selbstbewusstsein, Unkonventionalität, Zielstrebigkeit und noch viele mehr ... Oft sind auch die kleinen Abweichungen vom normschönen Ideal genau die reizvollen Besonderheiten. Und deswegen halte ich auch nichts davon, viel Text um die körperlichen Vorzüge des "Love Interests" zu machen. Das sendet in meinen Augen das völlig falsche Signal. Deshalb: Können wir aufhören, Normschönheit als wesentliche Beziehungsvoraussetzung anzupreisen und stattdessen zu dem übergehen, was tatsächlich zählt? Bitte danke.


Vorbild vs. Aufklärung


Versteht mich nicht falsch: All diese Dynamiken, die ich hier kritisiere, dürfen in Literatur thematisiert werden. Die Frage ist immer das Wie. Wenn ich derartige Zuschreibungen als Ideale darstelle, kann das negative Effekte auf die Leser:innen bzw. Gesellschaft haben. Denn wenn bestimmte Darstellungen zu oft auftauchen, werden sie irgendwann als Normalität betrachtet. Umso fataler ist das, wenn das in Jugendbüchern passiert und damit dezidiert einer Zielgruppe vorgestellt wird, der es oft an Lebens- und Beziehungserfahrung mangelt, um einen entsprechenden Text mit kritischem Auge zu lesen. Derartige Narrative darzustellen, aber sie dann zu zerlegen bzw. über sie aufzuklären, ist hingegen sehr zu begrüßen! Und solche Liebesromane würde dann sogar ich lesen.


Beziehungen in meinen Romanen


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Ja, es gibt sie. In jedem Band von "Herrscher des Lichts" verhandle ich tatsächlich so etwas wie "Liebesbeziehungen". Warum auch nicht? Beziehungen sind interessant. Aber dass ich das Wort in Anführungszeichen gesetzt habe, hat natürlich einen Grund: In den Beziehungen geht es eigentlich nicht um Liebe. Sie sind unzureichend, oberflächlich, berechnend. Und deswegen sind sie auch nicht romantisch. Manche Figuren setzen sich selbst die rosarote Brille auf, wie man es aus Romance-Literatur kennt. Nur brechen diese Brillengläser dann irgendwann scheppernd. Wer große Gefühle erwartet, wird deswegen weder in "Das Licht aus dem Nebel", "Das Licht im Sand" oder "Das Licht hinter dem Wind" fündig werden. Eine Bloggerin schrieb über eines der Paare einmal sinngemäß: "Die beiden haben einander wohl verdient." Und genauso ist es: Sie bekommen, was sie wollen und merken, dass es nicht das ist, was sie brauchen. Oder sie bekommen, was sie brauchen, und scheitern daran, es auch zu wollen. Dass heißt nicht, dass diese Beziehungen nicht halten – denn in der Realität tun das oft auch. Nur "glücklich" würde ich sie deswegen nicht nennen. Wer sich aber zumindest bis Band 3 gedulden möchte – da gibt es durchaus Potenzial.


Beziehungen in Kurzgeschichten


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Beziehungsdynamiken sind komplex – in einem Roman hat man zumindest genug Platz, um dieser Komplexität auch gerechtwerden zu können. Anders sieht es in Kurzgeschichten aus. Ich bin der Überzeugung, dass sich eine Liebesgeschichte, beginnend beim Kennenlernen bis hin zum Eingehen der Beziehung und entwickeln einer echten Liebe, nicht für die Kurzform eignet. Die Kurzform eignet sich jedoch, um bestimmte Abschnitte von Beziehungen zu zeigen. In manchen meiner Geschichten gibt es durchaus ein Kennenlernen, das vielleicht zu mehr führen könnte (ob es das tut, lasse ich offen). Oder es gibt Szenarien, in denen die Beziehung bereits besteht und sich weiterentwickelt. Es ist also durchaus möglich, Beziehungen auch in Kurzform darzustellen – wenn man bereit ist, sich zugunsten der Tiefe auf sinnvolle Ausschnitte zu beschränken. Die rosarote Brille, so zumindest meine Empfehlung, sollte dabei lieber zu Hause bleiben.


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