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Unbekannte Wesen: Die Patasola

Habt ihr schonmal von der Patasola gehört? Dieses Fabelwesen entstammt dem kolumbianischen Volksglauben und ist eine Art weiblicher Vampir (mit ein bisschen Sirenen-Anklängen) aus dem Dschungel. In diesem Artikel erkläre ich die Hintergründe.


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Bild KI-generiert

Mein Beitragsbild ist (dem Bias der KI geschuldet und womöglich auch meinem) sicher eine europäisch/westliche Interpretation dieses Fabelwesens. Aber weil ich denke, dass die Idee dahinter klar wird, lasse ich es mal so stehen. Worum geht's also?


Ein Monster im Urwald


"Patasola" ist spanisch und heißt so viel wie "die Einbeinige". Denn das ist tatsächlich eines der Hauptmerkmale dieser Gestalt aus dem kolumbianischen Volksglauben. Aber bei einem Bein bleibt es nicht: dieses weibliche Wesen hat statt eines Fußes einen gespaltenen Huf, nur eine Brust, eine dunkelgrüne Haut, Glubschaugen oder glühende Augen, Reißzähne, Hakennase, große Lippen, Zottelhaar mit Schlamm, Blättern und Moos darin. Die genaue Beschriebung varriert. Nicht in jeder Erzählung sind alle Aspekte vorhanden.


Warum ist in meinem Bild dann eine normschöne Frau zu sehen? Nun, die Patasola versteht es, ihre wahre Gestalt zu verschleiern und tritt als verführerische Frau, oft eine dem Opfer nahestende Person imitierend, auf. Erst später im Dschungel offenbart sie ihre wahre und schreckliche Gestalt. Während sie den Großteil ihrer Erscheinung verändern kann, bleibt ihr markantestes Merkmal, das eine Bein, aber immer erhalten: Ein langes Kleid versteckt es, sodass man es nicht auf den ersten Blick sieht.


Die genannten Opfer sind Männer. In der Regel solche, die im Wald zu tun haben (Jäger, Viehhirten, Holzfäller oder Bergleute). Die Patasola ist tendeziell abends oder nachts unterwegs. Sie blockiert Wege, legt falsche Fährten und lockt die einsamen Arbeiter schließlich durch ihren Gesang an, also genau wie eine Sirene. Dieser Gesang hört sich nicht nur toll an, sondern klingt so, als wäre die Sängerin ganz in der Nähe. So wird das Opfer immer weiter ins Unterholz geführt.


Anstelle von Gesang kann die Patasola auch herzzerreißende Hilferufe ausstoßen. Von denen fühlen sich die starken Männer natürlich besonders angezogen und wollen das hilflose Ding ganz dem Klischee entsprechend retten. Also ja: Natürlich ist das Narrativ tief durchdrungen von patriarchalen Mustern. Das haben Fabelwesen, die explizit einem Geschlecht zugeordnet werden, so an sich.


Die Patasola ist im Wesentlichen eine Jägerin. Sie führt ihre Beute in ihr Revier und fällt dann mit Zähnen und Klauen über sie her, saugt ihnen das Blut aus. Wehren können sich die Männer kaum: Denn der Blick aus den leuchtenden Augen der Patasola ist magisch, betäubt die Opfer, macht sie willenlos.


Der kolumbianische Vampir


Die Patasola ist damit eigentlich eine klassische Vampirgestalt. In erster Linie ist sie hinter dem Blut ihrer Opfer her. Sie saugt ihre Beute aus, bis nur noch eine blutleere Leiche zurückbleibt. Denn die Patasola benötigt das Blut, um selbst zu überleben.


Wobei "überleben" nicht das richtige Wort ist. Denn wie der typische Vampir hierzulange ist die Patasola eher untot: ein rachsüchtiger Geist, verdammt, für immer umherzuirren. Denn die verbreiteteste Ursprungslegende (es gibt mehrere mal mehr mal weniger unterschiedliche) besagt, dass die Patasola einst eine untreue Ehefrau war. Als sie in flagranti mit ihrem Liebhaber erwischt wurde, köpfte ihr Mann diesen. Ihr schlug er auf der Flucht ein Bein ab, woraufhin sie verblutete und völlig austrocknete. Das fehlende Blut holt sie sich nun zurück.


Aber nicht nur das Blut: Oft verzehrt die Patasola ihre Opfer auch vollständig, sodass nichts mehr von ihnen übrigbleibt. Es gibt beide Versionen der Geschichte: die, in der sie Männer restlos verzehrt und die, in der die Leichen als Mahnung zurückbleiben. Warum Mahnung? Dazu an späterer Stelle mehr.


Ein Dämon aus dem Dschungel


Die Geschichte hat natürlich eine Moral: Begehe keinen Ehebruch. Das gilt für Frauen und für Männer. Für Frauen, weil sie zu einbeinigen Dämonen werden könnten. Für Männer, weil sie von einbeinigen Dämonen verzehrt werden könnten.


Im Fall der Patasola ist ihre Existenz eine Strafe für ihr moralisches Fehlverhalten. Sie ist verdammt, weil sie gesündigt hat. Sie irrt deshalb umher, weil sie in Sünde gestorben ist und ihrer Seele der Weg ins Himmelreich versperrt ist. Manchmal wird auch beschrieben, dass die Patasola nach ihren Kindern sucht, die sie durch ihren Ehebruch verloren hat. Ihr Gesang ist dann ein reuesvolles Wehklagen.


Hier haben wir also eindeutig eine Reihe klassischer Zuschreibungen, die dem christlichen Glauben entstammen. Erzählungen, die derjenigen der Patasola im Kern ähneln, finden sich auch hierzulande häufig. Manchmal wird sogar explizit erwähnt, dass es die Patasola dezidiert auf Christenblut abgesehen hat. In diesem Sinne ist sie ein typischer Dämon, der danach trachtet, alles Heilige zu zerstören.


Übrigens auch ein Element typischer Spukgeschichten: Hunde reagieren unruhig auf die Patasola. Dahinter steckt die Idee, dass Tiere im Gegensatz zu Menschen instinktsicher sind. Sie durchschauen die Täuschung sofort. Wenn dein Hund also deine neue Freundin nicht mag, dann vertrau auf ihn! Bestimmt ist sie in Wirklichkeit die Patasola.


Ein Geist, der die Natur schützt


Das christliche Narrativ ist jedoch nicht das einzige, das in die Figur der Patasola eingeflossen ist. Auch indigene Mythen haben die Vorstellung geprägt. So ist die Patasola in manchen Erzählungen eher ein Naturgeist, der den Wald und die Tiere schützt.


Als solcher sucht sie nicht einfach irgendwelche Männer heim und auch das Christenblut tritt in den Hintergrund. Vielmehr wählt sie Täter anstelle von Opfern. Will heißen: Sie bestraft Umweltsünder. Dazu gehören Tierquäler, Jäger, die es auf Jungtiere abgesehen haben, Holzfäller, die illegal roden oder Bergleute, die die Natur aus Gier nach Rohstoffen plattmachen.


Dass man die Patasola auch als Naturgeist interpretieren kann, zeigt sich auch in ihrer Beschreibung: bei ihrer grünen Haut beispielsweise oder den Blättern und Schlamm, die mit ihren Haaren verflochten sind. Außerdem kann sie sich in Tiere vorwandeln, insbesondere in einen großen schwarzen Hund oder eine Kuh (den passenden Huf hat sie ja sowieso schon).


Vor diesem Hintergrund ergibt es Sinn, dass in manchen Geschichten die Leichen eben nicht verschwinden, sondern zurückbleiben und von anderen Dorfbewohnern gefunden werden. Denn sie sind eine Warnung, die Natur zu ehren, um nicht selbst genauso zu enden.


Eine Verschmelzung verschiedener Motive


Wie so oft im Aberglauben vereint diese Figur verschiedene Narrative, die aus unterschiedlichen, oft auch widersprüchlichen Erzähltraditionen stammen und zudem je nach Region varrieren: Wir haben einerseits eine Morallehre, die vom Ehebruch abhalten soll. Dann ist da eine christliche Legende, die vor Dämonen warnt und zu einem frommen Leben aufruft. Zum Schluss fließen außerdem indigene Vorstellungen von Naturgeistern mit ein, die unter Umständen durchaus Positives bewirken. Dazu passen auch unterschiedliche Varianten der Ursprungslegende: neben der Ehebrecherin war die Patasola auch böse Verführerin, faules Mädchen oder sogar treuliebende Gattin und fürsorgliche Mtuter (in dieser Version ist der Ehemann der Schurke). Das macht die Patasola natürlich zu einer ambivalenten Gestalt, die in der Regel zwar böse, aber manchmal eben auch gerecht ist.


High Fantasy in Südamerika


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In meiner Kurzgeschichtensammlung "Tempelfeuer" habe ich die Patasola in eine Geschichte eingebaut. Mein Vorhaben dabei war, eine Vampirgeschichte zu schreiben. Aber eben nicht über einen typischen, europäischen Vampir. Das empfand ich in diesem Moment als abgegriffen. Und ich war der Überzeugung, dass Mythologien anderer Kulturen sicher auch vampirähnliche Fabelwesen zu bieten haben.


In der Tat wurde ich fündig. Nach Kolumbien sollte es also gehen. Oder zumindest in ein lose inspiriertes Fantasyäquivalent. Meine Geschichte "Roter Dschungel" spielt also in ebenjenem (und enthält eine Stufenpyramide, die vermutlich eher nach Mexiko gehört – aber sei's drum).


Sie ist damit eine von mehreren Kurzgeschichten, bei denen ich mich in unterschiedlichen Varianten nach Mittel- und Südamerika begeben habe. Die anderen nutzen die vorhandene Mythologie jedoch kaum, insofern stellt "Roter Dschungel" hier durchaus eine spannende Ausnahme dar. Wer möchte, möge sich selbst ein Bild machen.



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