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Frauen, die Federkleider tragen. Oder: Weibliche Tierverwandlungen in der Mythologie

vor 2 Tagen
7 Min. Lesezeit

Vielleicht ist euch dieses Motiv schon einmal begegnet: Es gibt in der Fantastik eine Tradition von Frauenfiguren, die Federkleider tragen und sich in Vögel verwandeln. Natürlich verwandeln sie sich hin und wieder auch in andere Tiere – und das ist gar nicht so selbstverständlich, wie man meinen möchte. In diesem Artikel spüre ich den Ursprüngen nach.


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Inhalt



Sich in ein Tier verwandeln zu können, ist typisch Fantasy, oder? Die Idee von Tierverwandlungen gibt es in verschiedenen Kulturen und entsprechend auch in verschiedenen Mythologien. Das zu untersuchen ist in einem solchen Artikel kaum möglich, aber es gibt eine Besonderheit, die ich euch vorstellen möchte: Die Verwandlung mithilfe eines Federkleides, die ausschließlich Frauen vorbehalten ist. Die Wurzeln dieser Idee liegen sowohl in der keltischen als auch nordischen Mythologie.


Eine häuftige Erzählstruktur: das Feenmärchen


Wusstet ihr, dass Feen aus der keltischen Mythologie stammen? Und mit ihnen einher geht eine bestimmter Texttyp: das Feenmärchen. Das geht ungefähr so: Ein Held (meistens ein starker Krieger oder tapferer Ritter) kommt ins Feenreich. Oder versucht es zumindest. Denn zuvor muss sich der Recke beweisen: Er gerät in Kämpfe oder wird anderweitig geprüft. Hat er sich bewährt, begegnet er der Fee. Oft lebt diese in oder nahe einer magischen Quelle (Feen mögen Wasser). Die Fee und der Held werden ein Paar, aber sie stellt eine Bedingung, an der die Beziehung hängt wie beispielsweise "Besuche mich nicht im Badezimmer" (ja, das ist ein echtes Beispiel, nämlich aus dem mittelalterlichen Text "Melusine" von Thüring von Ringoltingen). Zunächst verläuft alles harmonisch, aber am Ende kann sich der Held eben doch nicht am Riemen reißen und bricht die Abmachung (z. B. indem er, um auf Melusine zurückzukommen, ins Bad läuft und dabei herausfindet, dass seine Herzensdame manchmal einen Fischschwanz hat). Daraufhin wirft ihn die Fee aus ihrem Reich und das findet er ziemlich schlimm. Nachdem er den ersten Schock aber überwunden hat (manchmal muss die Fee selbst oder ihre Dienerin ihre magischen Heilkräfte spielen lassen, um den Armen wieder zur Besinnung zu bringen), beschließt er, die Gunst der Fee zurückzugewinnen und besteht dafür verschiedene Abenteuer. Und natürlich klappt das auch und es gibt ein Happy End. Eine Geschichte in dieser Art findet sich beispielsweise im "Iwein" Hartmanns von Aue, ein mittelalterlichen Roman, der um 1200 entstanden ist.


Wir können auf jeden Fall festhalten: Feen sind magisch, Feen haben oft Heilkräfte, Feen leben gerne am Wasser und Feen lassen sich ständig auf irgendwelche Kerle ein, die sich nicht an die Regeln halten wollen. So viel dazu. Jetzt kennt ihr schon einmal das Grundgerüst von Feenerzählungen.


Tierfeen in der mittelalterlichen Literatur


Wie kommen wir jetzt zu der Sache mit der Verwandlung? Nun, es ist so: Meistens treten Feen in menschlicher Gestalt auf, aber in der mittelalterlichen Literatur gibt es auch einige Erzählungen, wo die Feen Tiergestalt annehmen. Dazu gehört neben der "Melusine" (Fischschwanz, ihr erinnert euch) zum Beispiel der "Friedrich von Schwaben". Die Fee nimmt hier Hirschgestalt an. Der Hirsch ist tatsächlich auch ein wichtiges Tier der keltischen Mythologie (wahrscheinlich kommt er deswegen auch so gerne in Fantasyromanen vor – mehr dazu übrigens in meinem Artikel hier: https://www.kornelia-schmid.de/post/wei%C3%9Fe-hirsche-in-der-fantasy). Zwischenzeitlich ist sie aber auch noch eine Taube. Feen mit Gefieder funktionieren also irgendwie auch. Und die Fee kann hier verzaubert werden, indem ihr die Kleider gestohlen werden, während sie in einer Quelle (Achtung, magisches Wasser!) badet. Merkt euch das gut, denn darauf komme ich gleich noch einmal zurück.


Selkies als Abwandlung des Motivs


Kennt ihr Selkies? Das sind im schottischen Aberglauben Robben, die an Land kommen und sich dort in Frauen verwandeln. Dabei legen sie ihre Haut ab. Ziehen sie diese wieder an, sind sie wieder Robben. Stiehlt man ihnen aber diese Haut, können sie sich nicht mehr zurückverwandeln und müssen sie für immer Menschen bleiben. (Ihr erinnert euch noch an den Kleiderdiebstahl im Absatz zuvor, ja?)


Was sind also Selkies? Magische Frauen, die im Wasser leben. Definitiv Feen. Nur eben dezidiert schottisch (was ja aber auch unter "keltisch" läuft).


Schwanenjungfrauen in der nordischen Mythologie


Jetzt waren wir immer bei den Kelten, doch jetzt kommt der Schwenk in die nordische Mythologie. Magische Frauen sind hier keine Feen, sondern Walküren. Walküren sind die Töchter Odins und sie haben die Aufgabe, die gefallenen Krieger nach Walhall (Odins Sitz) zu geleiten. Dafür können sie sich auch verwandeln, in Raben zum Beispiel. Es gibt sie also auch in Tiergestalt – in Vogelgestalt, um genau zu sein.


Und die "Edda" erzählt noch eine andere Geschichte: Nämlich die von drei Männern, die sich in drei Frauen verliebten. Diese Frauen sind eigentlich Walküren, haben aber ihre Schwanenkleider zum Baden abgelegt. Also stehlen die Männern ihnen die Federkleider. Daraufhin mussten die Frauen in menschlicher Gestalt bei den Männern bleiben, weil sie ohne ihre magischen Kleider machtlos sind. (Heute finden wir das zum Glück kriminell, damals galt es wohl als gute Story.) Doch schließlich bekamen die Frauen ihre Kleider zurück, konnten sie anziehen und sich dadurch in Schwäne zurückverwandeln. Und so flogen sie nach Jahren davon (na zum Glück).


Das Federkleid der nordischen Göttin Freya


Die nordische Göttin Freya besitzt übrigens ein Falkengewand. Zieht sie es an, verwandelt sie sich in einen Falken und kann so blitzschnell durch die Luft fliegen. Das erinnert doch sehr an der Federkleider der Schwanenjungfrauen. Nur ist Freya natürlich keine Walküre, sondern eine Göttin und das Tier ist diesmal weder Schwan noch Rabe, sondern Falke. Tatsächlich kann Freya dieses Gewand auch verleihen, beispielsweise an Loki, der sich dann ebenfalls in einen Falken verwandeln kann. Das ist interessant, weil Loki in den Erzählungen eigentlich die Fähigkeit zur Verwandlung ohnehin schon besitzt – offenbar aber eben nicht in einen Falken. Das ist anscheinend der weiblichen Göttin bzw. ihrem magischen Gewand vorbehalten.


In was verwandeln sich Männer?


Apropos Loki: In der altnordischen "Edda" des Snorri Sturluson finden sich mehrere Textpassagen, die von der Verwandlung Lokis berichten, beispielsweise in einen Lachs oder in eine Stute. Odin wiederum verwandelt sich laut einer Erzählung in einen Wurm, Heimdall in einen Seehund. Zumindest bei den Germanen scheint es also die Vorstellung, dass auch Männer sich verwandeln können, durchaus gegeben zu haben. Auch die Kelten kannten verwandelte Männer: in Hirsche, Wildschweine, Wölfe, Lachse, aber tatsächlich auch Vögel wie Schwäne oder Adler. Nicht immer erfolgt die Verwandlung aus eigener Kraft oder gar freiwillig. Oft (aber nicht immer) sind es männliche Figuren mit magischen Fähigkeiten, die andere Männer (oder auch Frauen) verwandeln.


Man kann also nicht behaupten, dass die Tierverwandlung etwas rein Weibliches ist. Allerdings: Kleider brauchten die Männer dafür nicht. In gewisser Weise sind die Männer dadurch mächtiger als die Frauen, die so leicht durch den Kleiderraub abhängig gemacht und ihrer Kräfte beraubt werden können. Doch das sollte uns nicht verwundern: Diese Mythen gehören in patriarchale Gesellschaften.


Und was soll das nun mit den Feenkleidern?


Also, seid ihr noch alle dabei? Wir haben Feen, die sich manchmal in Tiere wie Hirsche oder Vögel verwandeln können. Wir haben Selkies, die ihre Haut aus- und wieder anziehen können. Das ist die keltische Seite. Wir haben aber auch Walküren, die sich in Vögel verwandeln können und die ihre Federn an- und abstreifen. Wir haben die Göttin Freya, die ein magisches Falkengewand besitzt. Das ist die nordische Seite. Frauen, die Federkleider tragen – hier fließen beide Seiten zusammen. Sie sind manchmal Feen, sie sind manchmal Walküren. In unserem Breiten siedelten sowohl Kelten als auch Germanen, deswegen ist es nicht verwunderlich, dass sich in vielen Erzählungen beide Ursprünge verbunden haben. Und das gilt auch noch für die heutige Fantasyliteratur. Wenn ihr dieses Motiv findet, ist deswegen nicht immer ganz klar, ob es einen keltischen oder germanischen Ursprung hat. Oft vermischt sich auch beides.


Ein Beispiel für eine weibliche Tierverwandlung in dieser Tradition ist die Netflix-Serie "Disenchantment", in der es um Fantasyklischees geht. Hier tritt eine Frau auf, die sich mit Hilfe eines Bärenfells in einen Bären verwandeln kann. Ursula stammt aus dem Wald, badet im Wasser, ist magisch – definitiv Feenmotive. Die Komik entsteht dabei dadurch, dass Ursula eben kein graziles Geschöpf ist, wie man es von einer Fee erwarten würde. Sie ist kein Täubchen und auch kein Schwan. Sie ist ein riesiger und zuweilen aggressiver Bär und ihr Kleid ist ein dicker Pelz. Als wilde blonde Hünin hat die kämpferische Ursula dabei durchaus auch etwas Walkürenartiges an sich. Das Motiv ist also gut zu erkennen.


Tierverwandlungen bei Hexen


Aber gehen wir nochmal einen Schritt zurück. Nun ist es natürlich so, dass die Entwicklung des Narrativs im Mittelalter nicht abgeschlossen war. Es wurde in der Frühen Neuzeit wieder aufgegriffen, aber nicht unbedingt in der fiktionalen Literatur. Liest man die Protokolle von Hexenprozessen aus dieser Zeit, findet man viele Motive wieder, die eigentlich aus dem Glauben an Feen oder Walküren stammen. Die Heilkräfte der Feen haben beispielsweise auch Hexen, nur dass diese sie nicht für das Gute benutzen, sondern um Menschen zu verletzen. Die Flugfertigkeit der Walküren besitzen die Hexen ebenfalls, wenn sie durch die Luft reiten. Und Hexen verwandeln sich in Tiere: Das sind gerne mal schwarze Katzen, aber man liest auch von anderen schwarzen Tieren (denn schwarz müssen sie sein, Schwarz ist schließlich die Farbe des Teufels). Gerade im Norden findet man aber auch Berichte von Hexen, die sich in zahlreiche Vögel verwandeln (Schwanenjungfrauen und Walküren in Rabengestalt?) oder auch in Meereswesen wie Wale oder Robben (Meerjungfrauen und Selkies?).


Männliche Hexen verwandeln sich eher selten. Tatsächlich sind männlichen Hexen per se seltener in den Protokollen vermerkt – Hexerei galt als weibliches Delikt. Männer wurden im Gegensatz zu Frauen aber deutlich häufiger als Werwölfe angeklagt. Und hier haben wir sie natürlich, die Tierverwandlung, allerdings funktioniert das Ganze doch deutlich anders, denn die Verwandlung geschieht nicht freiwillig – also ganz genau so, wie sie in keltischen Erzählungen oft eben auch nicht freiwillig geschieht.


So oder so: Die Sache mit dem Gewand aus Federn oder Haut scheint sich an dieser Stelle verloren zu haben.


Modernes Beispiel: Möwenkleider in Venedig


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In meiner Geschichte "Ein Federkleid" verwandelt sich – ihr ahnt es, oder? – eine Frau in einen Vogel, nachdem sie ein magisches Federkleid findet und anzieht. Anstelle die Geschichte aber in Mittel- oder Nordeuropa anzusiedeln, wie es die mythologischen Ursprünge nahelegen, habe ich sie im Venedig in der Barockzeit spielen lassen. Denn ich wollte das ursprüngliche Motiv ja nicht nur wiedergeben, sondern auch etwas Neues hinzufügen. Lesen könnt ihr sie in der Anthologie "Feier der Fantastik".


Wenn euch also in der Fantasy Frauen begegnen, die sich durch magische Gewänder in Tiere verwandeln, wisst ihr nun, dass dieses Motiv Tradition hat. Kommentiert gerne, wenn ihr noch weitere Beispiele kennt.

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