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Und wieder gesund – Magische Heilsalben in der Literatur des Mittelalters

Wir kennen sie aus Literatur, DnD und Games: Heiltränke. Die schlechte Nachricht: In der deutschsprachigen mittelalterlichen Literatur gibt es die gar nicht. Was es stattdessen gibt: Zaubersalben und Zauberpflaster. Nur haben die es leider nicht in die Popkultur geschafft. Mehr dazu in diesem Artikel.


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Vielleicht kennt ihr die Zaubersalben schon aus meinem Artikel über die magischen Gegenstände in der Literatur des Mittelalters (zu finden hier: https://www.kornelia-schmid.de/post/magische-ringe-guertel-schwerter). Es lohnt sich, noch einmal einen genaueren Blick darauf zu werfen. Denn Heilmagie ist etwas, das in modernen Fantasybüchern unglaublich häufig vorkommt (auch wenn sie da vielleicht ein wenig anders aussieht).


Keltische Sagenstoffe


Heilmagie gibt es in erster Linie in denjenigen Texten des Mittelalters, die einen keltischen Hintergrund haben. Denn trotz aller Christianisierung haben sich alte Mythen eben doch erhalten und in die Literatur geschlichen (selbst heute noch!). Germanist:innen nennen die Texte, auf die ich abziele, "Matière de Bretagne", also Sagenstoffe aus Britannien oder der Betragne, denn die Kelten lebten ja nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Frankreich. Wie wir wissen, wurde England im Jahr 1066 außerdem von den Normannen aus Frankreich erobert, sodass der Adel fortan Französisch sprach. Das ist genau die Zeit, aus der auch viele der entsprechenden Text überliefert sind – obwohl sie oft nach England gehören, sind sie in Altfranzösisch geschrieben.


Welche Texte sind das denn nun konkret: Es geht vor allem um Erzählungen über König Artus und die Ritter der Tafelrunde. Beigemengt werden dabei oft andere Sagen und dann noch ein paar Gralslegenden untergemischt. Wenn es also um mittelalterliche Texte mit keltischem Hintergrund geht, geht es immer auch irgendwie um König Artus.


Viele der altfranzösischen Vorlagen haben es nach Deutschland geschafft und wurden auf Mittelhochdeutsch neu geschrieben. Deswegen haben auch wir hierzulande ebenfalls mittelalterliche Artusliteratur mit keltischen Einschlägen.


Feen und Heilmagie


Warum gehört Heilmagie denn nun in den keltischen Bereich? Weil Heilmagie eng mit Feen verknüpft ist: Feen sind magische Wesen, die über Heilkräfte verfügen und sie stammen genau aus dem entsprechenden Sagenkreis. Später haben Feen auch den Sprung in die mittelalterliche Literatur geschafft – einschließlich ihrer Heilmagie.


Wenn in höfischen Romanen des Mittelalters Feen auftreten, werden diese oft nicht "Fee" genannt (eine häufige Ausnahme ist die Fee Morgane, die zwar nicht selbst auftritt, aber doch immer wieder erwähnt wird). Meistens sind diese Feen eigentlich höfische Damen, die Germanist:innen nur deshalb als Feen erkennen, weil in den Texten eben noch die Erzählstruktren oder Motive von typischen Feenmärchen stecken. Man kann sich aber vorstellen, dass diese Adeligen in früheren Fassungen, die mündlich weitererzählt wurden, noch richtige magische Wesen waren.


Über Heilmagie in der Literatur des Mittelalters zu sprechen, heißt also immer auch, über Feen zu sprechen. Wenn eine Zaubersalbe im Text auftaucht, taucht in der Regel auch eine Fee auf. Heilsalben ohne passende Feenfiguren? Kaum denkbar – denn dann würden sie gar nicht in die ansonsten magielose Welt passen.


Die Heilsalben im "Tristan"


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Im berühmten Roman "Tristan" Gottfrieds von Straßburg aus dem 13. Jahrhundert gibt eine Episode, in der der Held Tristan von einem Riesen mit einem vergifteten Schwert verwundet wird. Weil dieser Riese aus der magischen Anderswelt stammt (im Roman ist das Irland – aber nur, weil die magischen Elemente in dieser Fassung reduziert wurden; man darf davon ausgehen, dass der Riese eigentlich aus dem keltischen Jenseits kommt), ist die Wunde irgendwie magisch und damit unheilbar. Tristan reist deswegen nach Irland (also die Anderswelt, ich schrieb es schon), wo die zauberkundige Königin Isolde ihn heilen kann. Diese Isolde ist nicht die spätere Geliebte Tristans, sondern ihre Mutter. Und als Besitzerin einer speziellen Heilsalbe, darf man sie als Fee interpretieren.


In einer späteren Episode erschlägt Tristan einen Drachen. Zum Beweis, dass er den Drachen besiegt hat, schneidet er ihm die Zunge ab, um diese zum König zu bringen. Nun hat er die grandiose Idee, sich die Zunge in den Ausschnitt seines Hemdes zu stecken, also direkt auf die Haut. Die Drachenzunge sondert aber auch im abgetöteten Zustand noch Giftdämpfe ab (bedingt durch die Kombination mit Körperwärme und Schweiß), die Tristan ganz schön zusetzen, woraufhin er bewusstlos wird (ein eigentlich witziges Motiv, diese giftige Drachenzunge, das sich heute verloren hat). Isolde und ihre Mutter finden ihn und pflegen ihn (wieder einmal) mit Salben gesund. Dass es magische Heilsalben sind, wird auch hier nicht ausdrücklich erwähnt, aber wir dürfen davon ausgehen.


Interessant ist, dass es im "Tristan" tatsächlich auch einen magischen Trank gibt. Es ist aber kein Heiltrank, sondern ein Minnetrank, also ein Liebestrank. Natürlich ist der Liebestrank etwas, das man auch heute noch sehr häufig in Fantasyliteratur findet. Diese Idee hat sich im Gegensatz zur Salbe also erhalten und ist auch heute noch populär. Und dieser Minnetrank wird im Tristan von (dreimal dürft ihr raten) Mutter Isolde hergestellt, also der Person, die mit Magie einfach bewandert ist. Und damit glaubt ihr mir hoffentlich auch, dass sie wirklich eine Fee ist.


Wir halten fest: Magie gibt's nur in Irland, genauso wie Feen und die haben dann auch magische Salben und Tränke.


Die Heilsalbe im "Iwein"


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Der Ritter Iwein wird im gleichnamigen Roman Hartmanns von Aue aus dem 12. bis 13. Jahrhundert vom Wahnsinn befallen, weil ihn seine Frau verstoßen hat (kann man ja vielleicht verstehen). Nun muss man wissen: Seine Frau Laudine war in einer früheren Fassung sicher eine Fee, also eine magische Figur und verfügt deshalb auch irgendwie über magische Kräfte. Das gilt in gewisser Weise auch für ihre Dienerin, die mal eben einen Unsichtbarkeitsring bei sich hat. Die magische Heilsalbe stammt aber von anderswo, nämlich ausdrücklich von der Fee Morgane. Die Feenherkunft der Salbe wird also hier nicht einmal mehr verschleiert. Das Auftragen ebenjener Zaubercreme ist das einzige, das Iwein schließlich von seinem Wahnsinn heilen kann. Also: Eine Art magischer Wahnsinn, ausgelöst durch das Zerschneiden der Verbindung zur Fee, wird mit einer magischen Feensalbe kuriert. Ergibt Sinn, oder?


Hier geht es also tatsächlich nicht um körperliche Wunden, sondern, wenn man so will, um ein psychisches Leiden. Man darf "psychisch" allerdings nicht im selben Sinne wie heute verstehen. Iweins Zusammenbruch hat etwas mit Erzählstruktur zu tun, es geht nicht um ein individuelles Leiden. Nichtsdestotrotz können wir festhalten: Feenzaubersalben können auch Geistesverwirrungen heilen.


Das Heilpflaster im "Erec"


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Unter "Pflaster" stellen wir uns heute einen sterilen wattegepolsterten Klebestreifen vor, den wir auf kleine Wunden pappen. Das mittelalterliche Pflaster hatte damit tatsächlich wenig gemeinsam. Man muss dabei vielmehr an eine Art klebrige Paste denken, die auf die Wunde aufgetragen wurde, in der Regel in Kombination mit einem Verband. Deshalb ist das Pflaster eigentlich etwas sehr Ähnliches wie die Salbe und dahinter steckt sicher dieselbe Idee und Erzähltradition.


Ein ebensolches Pflaster kommt in Hartmanns von Aue "Erec" vor, einem höfischen Roman aus dem 12. Jahrhundert. Als der titelgebende Held verwundet ist, gibt ihm die Königin ein Zauberpflaster, das sie ursprünglich von der Fee Morgane erhalten hat. Ihr erkennt das sicher wieder, das ist genau wie bei der Heilsalbe aus dem "Iwein". Ebenfalls wie beim "Iwein" ist es auch hier so, dass die Fee Morgane sonst nicht vorkommt und auch keinerlei Rolle im Geschehen spielt. Aber um zu rechtfertigen, dass da einfach mal ein Zauberpflaster rumliegt, muss man zumindest ansprechen, dass da eine Fee irgendwo hockt und sowas herstellt. Und die Heilmagie wirkt: Erec ist mit Hilfe des Pflasters in Rekordzeit wieder auf den Beinen.


Das hier ist tatsächlich das, was einem Heiltrank aus der modernen Fantasyliteratur, Games oder DnD am nähesten kommt: Während vorher noch magische oder geistige Krankheiten kuriert wurden, haben wir hier tatsächlich ganz klassisch körperliche Wunden. Zack, Pflaster drauf, Heilmagie rein, wieder volle Lebenspunkte.


Die Zaubersalben bei späteren Hexenprozessen


In der Frühen Neuzeit dann, der Hochzeit der Hexenprozesse, war die Vorstellung von Zaubersalben immer noch tief im Aberglauben verankert und fand deshalb auch Eingang in die Hexenvorstellungen dieser Zeit und die Protokolle von realen historischen Verhören. Nun ist es aber so, dass Hexen mit Heilen wenig am Hut hatten. Die Vorstellung der Salbe wurde deshalb ein wenig umgekrempelt.


Eines der Hauptmerkmale von Hexen war in der Vorstellung der Zeit, dass sie Schadenszauber wirken. Das ist das, womit sie der Teufel beauftragt hat und ihre wichtigste Beschäftigung: Sie haben eigentlich nichts anderes im Sinn, als Böses anzurichten. Dass Hexen zu so etwas wie Heilzaubern in der Lage wären, ist deshalb natürlich ausgeschlossen. Sie können per Definition nichts Gutes tun, folglich auch nicht heilen. Die Idee der magischen Salben hat sich aber erhalten und zwar als Flugsalben.


Heute haben wir die Vorstellung, dass Hexen auf Besen fliegen. Aus den Protokollen geht aber oft hervor, dass die Besen (oder auch Ofengabeln oder andere Objekte) an sich gar nicht flugfähig waren. Sie flogen erst, wenn die Hexe sie mit einer magischen Flugsalbe einrieb. Es gibt auch Geschichten, in denen sie sich selbst damit einreibt und dadurch fliegt. Jedenfalls: Die Zaubersalbe findet sehr oft Erwähnung. Mehr zu Hexenmagie findet ihr außerdem hier: https://www.kornelia-schmid.de/post/was-ist-hexenmagie.


Wie wurden aus Salben Tränke?


Wir halten also fest: Was heute magische Tränke sind, waren im Mittelalter und der Frühen Neuzeit eher magische Salben. Dass das Motiv umgewandelt wurde, mag einerseits daran liegen, dass wir uns auch Salben heute eher anders vorstellen. Für uns sind Salben etwas, das von Konzernen produziert wird und aus der Tube kommt. Da ist nichts Magisches mehr dabei. Ein schimmernder Trank aus einem kleinen Flakon wirkt viel besser als ... ein brauner Tontiegel? Oder eine schimmernde Salbe in einer durchsichtigen Plastiktube mit Schraubdeckel? Definitiv nicht vermarktbar!


Im Mittelalter waren Salben einfach das verbreiteste medizinische Mittel. Natürlich hat sich auch das verändert: Dass wir bevorzugt Pillen, Tropfen und Säfte schlucken ist eher eine moderne Entwicklung. Im Mittelalter gab es das alles zwar auch schon, aber Medikamente waren nicht gut dosierbar, wurden deshalb oft nicht gut vertragen und wieder erbrochen. Salben galten einfach als sicherer. An dieser Stelle noch ein Exkurs zu den Hexen: In den Prozessakten wird vielfach beschrieben, dass Hexen Schadenszauber wirkten, indem sie Menschen das Böse über die Nahrung verabreichen, z. B. in Milch oder auch Butter und Eiern. (Hier noch schnell ein Exkurs im Exkurs: Weil Salz als reines weißes Element als Mittel der Teufelsabwehr galt, wurden Eier gesalzen!) Es gibt auch Darstellungen, in denen Frauen überhaupt erst zu Hexen wurden, nachdem sie einen Trank vom Teufel angenommen hatten. Hier zeigt sich, dass Essen oder Trinken eher als etwas Riskantes eingestuft wurde, vor allem, wenn die Nahrung von Fremden überreicht wurde. Auch deshalb ist die Idee eines Heiltrankes aus Sicht der Menschen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit weniger naheliegend als die einer Heilsalbe, die man nur äußerlich anwendet statt sich irgendwas einzuverleiben.


Zurück zur modernen Rezeption: Natürlich ergeben in der Logik von Games Tränke auch einfach mehr Sinn: Wenn man im Kampf mal eben schnell geheilt werden muss, hat man sicher keine Zeit, sich erstmal die Rüstung auszuziehen und sich einzureiben. Das Konzept der Salbe passt einfach nicht so gut zum Konzept der Spiele. Ein kleines Tränklein kippen geht halt schnell und ist damit plausibler.


Magische Heilmittel sind also eine Vorstellung, die schon lange in der Literatur bekannt ist. Ihre genaue Darstellungsweise hat sich aber über die Zeit geändert und so geraten die Zaubersalben allmählich in Vergessenheit.

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