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Prägnanz will gelernt sein. Oder: Was können Kurzgeschichten?

"Es sollen ja nur ein paar Seiten werden. Die hast du doch schnell." Hab ich? Hab ich nicht! Dass sich kurze Texte schneller schreiben als lange, ist ein verbreiteter Irrglaube – und dass sie sich einfacher schreiben sowieso. Denn das würde ja voraussetzen, dass die Hauptarbeit beim Schreiben das Tippen ist. Und an dieser Stelle gleich mal einen fiesen Spoiler: Ist es nicht. Aber nochmal ganz von vorne.


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Bild KI-generiert

Anders als am englischsprachigen Buchmarkt haben Kurzgeschichten hierzulande einen schweren Stand. Warum das so ist? Schwierig zu beantworten. Liegt es daran, dass die Leute sie am ehesten mit langweiligen Deutsch-Unterrichtsstunden verbinden? Mit schweren Themen statt Unterhaltung? Oder umgekehrt: Mit Oberflächlichkeit statt mit Tiefgang? Hat es andere Gründe? Denn eigentlich müssten Kurzgeschichten das Format unserer Zeit sein: ein schneller Happen für zwischendurch, in der U-Bahn, im Bus, oder einfach mal abends auf der Couch. Anstelle von Tiktok-Reels. Oder Doomscrolling auf Facebook und Instagram.


Fakt ist: Kurzgeschichten schaffen es nur selten in den Großverlag und entsprechend selten auch in Buchhandlungen. Und so kommt es, dass am deutschsprachigen Markt vor allem kleine Verlage das Kurzgeschichten-Geschäft für sich gekapert haben: Im Independent-Bereich findet man viele Anthologien mit originellen Themen und breiter Auswahl. Als Autor:in veröffentlicht man in diesen Büchern entweder über Wettbewerbe oder per Einladung. Die Wettbewerbe sind natürlich vor allem für Newcomer eine interessante Möglichkeit, erste Erfahrungen mit der Verlagswelt zu sammeln. Nur: Wie gut beherrschen Newcomer diese komplexe Gattung?


Was ist das überhaupt, eine "Kurzgeschichte"?


Das ist eine Frage, über die gerne und viel gestritten wird. In der Regel kommt dabei irgendwann der Punkt, an dem ein Raster über einen Text gelegt wird: unmittelbarer Einstieg, nur eine Zeitebene, offenes Ende und so weiter. Meine persönliche Meinung dazu: Wer besser als durchschnittlich schreiben will, sollte sich von der Idee verabschieden, dass durch die Umsetzung eines Rasters ein denkwürdiger Text entsteht. Deswegen wird man eine derartige Checkliste auf meine Erzählungen nicht anwenden können und ich empfehle es auch niemandem. Also machen wir es uns mit der Definition doch ganz einfach: Eine "Kurzgeschichte" ist eine kurze Geschichte. Sie kann über den Alltag hinaus erzählen. Auf mehreren Zeitebenen. Aus mehreren Perspektiven. Alles ist möglich, wenn man es nur gut macht.


Und warum dauert das Schreiben nun so lange?


Jeder Text braucht eine Menge an Konzeption und eine Menge an Recherche. Beides ist in der Regel im Vorfeld zu leisten, die Textlänge spielt dabei kaum eine Rolle. Konzeption – genau hier wird es dann knifflig. In einem Roman kann ich mehrere Themen anschneiden, in einer Kurzgeschichte nur ein einziges. In einem Roman kann ich verschiedene Schreibansätze verfolgen, in einer Kurzgeschichte nur einen. In einem Roman kann ich mir Zeit lassen, einen Spannungsbogen aufzubauen, in einer Kurzgeschichte hingegen muss ihn um ein Vielfaches straffer spannen.


Also ja: eine Kurzgeschichte zu schreiben ist weitaus komplexer und definitiv die höhere Kunst. Deswegen habe ich auch lange gebraucht, bis ich Kurzgeschichten "konnte". Das heißt: Nach ziemlich genau 10 Jahren Schreiberfahrung im Bereich von Romanen habe ich meinen ersten Kurztext zu Papier gebracht – und er hat nicht funktioniert. Es war eigentlich nur eine Szene und keine richtige Geschichte. Nicht rund. Obendrei austauschbar. Erst ein Jahr und viele Versuche später später habe ich dann meine erste Kurzgeschichte veröffentlicht.


Was können Kurzgeschichten?


Ich schrieb oben, Kurzgeschichten funktionieren als Happen für zwischendurch. Heißt das nun, dass sie einem Roman nie das Wasser reichen können werden? Weil sie schnell konsumiert sind und dieses Tempo sie auch schnell wieder aus dem Gedächtnis davonziehen lässt?


Was in den meisten Fällen zutreffen dürfte, ist, dass in einem Roman insgesamt mehr Recherche- und Schreibarbeit steckt. Ist er deswegen automatisch besser? Ist er intensiver? Wirkt er länger nach? Ein klares Nein. Er ist anders. Denn die Gattung der Kurztexte birgt ganz eigene Vorteile: Die verknappte Form ermöglicht eine Prägnanz und auch den Spielraum für künstlerische Formen, die in der Breite eines Romans überhaupt nicht funktionieren würden. Ein Vergleich zwischen Roman und Kurzgeschichte ist deswegen genauso wie Äpfel und Birnen einander gegenüberzustellen: Beides ist Obst, aber ihr wisst schon ...


Wie lange ein Text bei Leser:innen nachwirkt, hat deswegen wenig mit seiner Länge zu tun. Man kann mit wenig Worten ein Thema womöglich sogar eindringlicher erzählen als mit vielen. Oder auch nicht. Es kommt eben immer darauf an.


Was bringt es also, Kurzgeschichten zu schreiben?


Wer tolle Romane und schlechte Kurzgeschichten schreibt, hat offenbar ein Talent für die Langform. Herzlichen Glückwunsch, das ist viel mehr, als die meisten Menschen von sich behaupten können! Und es ist auch in Ordnung, damit zufrieden zu sein. Man muss nicht imer alles wollen. Wenn man aber mehr will, drängt sich durchaus die Frage auf: Warum keine Kurzgeschichten? Wer sein Verständnis für Sprache erweitern will, sollte verschiedene Gattungen ausprobieren und auch beherrschen. Und von dieser Kompetenz werden auch längere Texte erheblich profitieren!


Mein Verständnis für das Schreiben hat sich jedenfalls, seit ich mich mit Kurzgeschichten ausprobiert habe, deutlich vertieft. Und nur das Kurzgeschichten-Schreiben hat mich überhaupt erst auf den Weg gebracht, inzwischen in unterschiedlichste Gattungen und Genres springen zu können. Früher hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich einmal Science-Fiction schreibe oder Humor. Jetzt habe ich das locker im Repertoire – und noch mehr.


High Fantasy Was sind Kurzgeschichten Warum Kurzgeschichten schreiben Anthologien

Seit 2016 habe ich über 50 Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien veröffentlicht (Stand 2026 – also in 10 Jahren). Das ist jedenfalls genug Stoff, um auch eigene Sammlungen zu füllen. Davon gibt es inzwischen drei. Die erste davon, "Goldlichtrisse", findet ihr hier: https://www.amazon.de/dp/B0CKBVXDHS. Mit enthalten sind natürlich auch Erzählungen, die vorher unveröffentlicht waren. Wie die Titelgeschichte, bei der ich mich erstmals in ein vom historischen Indien und der dazugehörigen Mythologie inspiriertes Setting gewagt habe (mit "Der Palast im Regen" habe ich daraus später noch einen Roman gemacht – die Vorarbeit für die Kurzgeschichte hat's ermöglicht).





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