Prägnante Bilder erzeugen – Fantasy Kurzgeschichten schreiben
Aktualisiert: 2. Aug.
Viele Autor:innen schreiben nur Romane. Manche behaupten gar, sie könnten die Gattung "Kurzgeschichte" überhaupt nicht. Und das glaube ich sofort – denn kurze Texte funktionieren anders als lange und erfordern entsprechend eine andere Herangehensweise. Hier verrate ich euch meine Strategie.

Viele Autor:innen kommen zum Kurzgeschichtenschreiben entweder durch Schreibkurse und Seminare oder durch Wettbewerbe für Anthologien. Vor allem Kleinverlage starten gerne Ausschreibungen zu einem bestimmten Thema, um neue Autor:innen für Kurzgeschichtenbände zu finden. Wenn ihr wissen wollt, wie man dabei seine Chancen steigert, lest gerne meinen Artikel dazu: https://www.kornelia-schmid.de/post/wie-man-erfolgreich-in-wettbewerbs-anthologien-veroeffentlicht. Hier soll es aber erst einmal darum gehen, wie man Kurzgeschichten überhaupt schreibt.
Inhalt
Manche schreiben Kurzgeschichten aus dem Bauch heraus. Das kann funktionieren. Weil diejenigen aber wahrscheinlich nicht googeln und dann hier auf diesem Artikel landen, gebe ich an dieser Stelle Tipps, wie man das Ganze strategisch angehen kann. Ich persönlich handhabe es immer so und plane von vornherein durch.
Die richtige Länge
Wer einfach nur schreiben will, braucht sich um die Länge des Textes nicht zu scheren. Bei Wettbewerben gibt es jedoch in der Regel sehr genaue Vorgaben, die man im Blick behalten muss. Kürzere Beiträge haben oft eine Länge von 10.000 bis 15.000 Zeichen. Am häufigsten wird eine Länge von 25.000 bis 30.000 Zeichen erwartet. Seltener sind es auch 40.000 oder mehr Zeichen. Aber wie viel ist das? Bei der Kurzvariante kommen wir auf etwa 7 bis 10 Normseiten, bei der mittleren auf 18 bis 20, bei der längsten auf 27. Individuell kann das natürlich unterschiedlich sein, abhängig von der Anzahl der Absätze und der Dialoge.
Bevor ihr euch ans Schreiben macht, solltet ihr ein Gespür für die entsprechende Länge entwickeln: Schaut euch am besten eure Texte an und analysiert, wie viel Platz ihr zum Erzählen braucht. Also konkret: Wie viele Zeichen braucht man, um Figuren und Setting einzuführen? Wie viele Zeichen braucht man für einen Konflikt? Wie viele Zeichen für seine Auflösung?
Es ist klar, dass man auf 10.000 Zeichen nicht dieselbe Geschichte erzählen kann wie auf 40.000. Nicht jede zum Thema passende Plotidee eignet sich für jeden Wettbewerb. Wenn eure Texte beim Überarbeiten eher kürzer werden, habt ihr noch etwas Spielraum – aber Geschichten dramatisch einzudampfen funktioniert selten. Oft bleiben Skelette übrig, die sich nicht rund lesen und im Wettbewerb kaum eine Chance haben. Also: Schreibt nicht drauf los, sondern versucht euren Plot zuerst aufzugliedern und eine realistische Einschätzung der Textlänge abzugeben. Sollte sich dann herausstellen, dass ihr den Rahmen wahrscheinlich sprengt, versucht es lieber mit einer anderen Plotidee.
Die Essenz herausfinden
In einem Roman habe ich Platz, sowohl meine Charaktere differenziert zu entwickeln als auch Spannungsbögen auszugestalten, dabei zusätzlich noch philosophische Fragen einzustreuen und ein interessantes Wordbuilding auszubreiten. In einer Kurzgeschichte wird das nicht funktionieren – zumindest nicht alles auf einmal. Deshalb fragt euch bei jeder Geschichte: Was ist ihre Essenz? Was ist die eine Sache, auf die ihr euch konzentrieren wollt?
Geht es tatsächlich um eine besonders interessante Figur und ihre Entwicklung? Dann lasst das Worldbuilding weg, streicht die wilden Verfolgungsjagden und die geheimnisvollen Artefakte. Konzentriert euch stattdessen auf die Gedanken der Figur und ihre Interaktionen mit anderen Charakteren. Eine solche Geschichte wird oft von Dialogen getragen. (Übrigens: Wie ihr gute Dialoge schreibt, habe ich euch hier zusammengefasst: https://www.kornelia-schmid.de/post/dialoge-schreiben). Soll die Geschichte in erster Linie spannend sein? Dann reicht es, der Figur ein paar kleine Marotten zu geben, die ihr ein wenig Persönlichkeit verleihen. Facettenreich ausgearbeitet muss sie deshalb nicht sein. Konzentriert euch stattdessen auf die wilden Verfolgungsjagden und die Geheimnisse, die in einem interessanten Setting nach und nach aufgedeckt werden. Womöglich steht bei eurer Kurzgeschichte aber weder die Figur noch die Handlung im Vordergrund, sondern die sprachliche Form. Auch das ist möglich: Die Kurzgeschichte ist eine der besten Gattungen für Experimente. Dann konzentriert euch auf die Ausgestaltung der Form und lasst alles Überflüssige wie Figurenzeichnung und Action weg.
Natürlich gilt immer: Was eine Geschichte braucht, ist individuell. Wichtig ist nur: Wenn man alles auf einmal will, wird man sich verzetteln. Bei Texten mit 40.000 oder mehr Zeichen stehen die Chancen gut, dass man verschiedene Aspekte unterbringt. Bei Texten mit 10.000 Zeichen hat man da jedoch keine Chance. Prioritäten zu setzen ist angesagt.
Ein interessantes Setting wählen
Habt ihr Kern und Struktur der Geschichte erarbeitet, überlegt euch, wo sie spielen soll. Vielleicht ist der Plot eng an bestimmte kulturelle Voraussetzungen einer Region geknüpft. Dann ergibt sich das Setting ohnehin von selbst. Manche Plots transportieren aber eher Allgemeines oder übergeordnete Wahrheiten – was überhaupt nichts Verkehrtes sein muss. Meistens heißt das, dass die Geschichte fast überall spielen könnte. Ist es also egal, welches Setting man wählt? Ich finde: nein, ist es nicht. Denn ein besonderes Setting verleiht einer Erzählung oft noch einmal eine bestimmte Farbigkeit und Würze, die sie sonst nicht besessen hätte.
Aus einer mittelmäßigen Erzählung kann eine großartige werden, wenn sie nicht nur die richtigen Fragen stellt, sondern auch an die richtigen Orte entführt. Deswegen sollte man sich vor dem Schreiben fragen: Wäre es eine Bereicherung für die High Fantasy Geschichte, wenn sie nicht in einer mittelalterlichen Welt spielt, sondern das Setting an die Antike angelehnt ist? Ergeben sich nicht vielleicht ganz neue Dynamiken, wenn die Hauptfigur aus der Wüste kommt? Entstehen vielleicht ungewöhnliche Konflikte, wenn die Geschichte während der Zeit des Monsuns spielt? Wäre es spannender, wenn in der Welt Schießpulver bereits erfunden wäre? Oft liefern ungewöhnliche Settings ungewöhnliche Ideen gratis mit. Und wenn die Geschichte in einem Wettbewerb bestehen soll, lohnt sich das besonders: Originalität wird fast immer belohnt.
Kurz, aber tief
Ein verbreiteter Mythos: umso kürzer der Text, umso schneller schreibt er sich. Weit gefehlt. Denn das Schreiben ist nicht die eigentliche Arbeit. Eine Kurzgeschichte zu konzipieren, kann sehr aufwändig sein und erfordert genauso Recherche wie jeder längere Text auch. Denn das, was am Ende sichtbar ist, ist nur die Spitze des Eisbergs gemessen daran, was die Autor:in weiß. Insofern an dieser Stelle noch einmal mein Plädoyer: Nehmt euch Zeit für die Recherche und beschränkt euch dabei nicht auf ein paar Artikel im Internet. Bücher sind eine gute Sache. Sogar Sachbücher! Und zusätzlich gilt: Oft entstehen auch bei der Recherche noch einmal neue, ungewöhnliche Ideen, die ihr nie gehabt hättet, wenn ihr einfach drauf losgeschrieben hättet.
Einstieg und Ende
In der Schule lernt man (zumindest war das zu meiner Zeit so), eine Kurzgeschichte müsse einen unmittelbaren Einstieg und ein offenes Ende haben. Das ist Quatsch, denn "müssen" tut eine Kurzgeschichte erst einmal gar nichts. Dafür ist die Gattung an sich überhaupt nicht klar genug definiert. Aber es ist schon logisch, dass man angesichts des geringen Platzes, der hier zur Verfügung steht, gut daran tut, mit Leerräumen zu arbeiten. Das heißt: es muss nicht immer alles erklärt oder geklärt werden (bei Romanen natürlich auch nicht). Ein unmittelbarer Einstieg ist durchaus sinnvoll. (Mehr zu Anfängen findet ihr auch hier: https://www.kornelia-schmid.de/post/tipps-fuer-romananfaenge.) Und was das Ende betrifft: Fragen offen zu lassen, kann genau den Reiz dieser Textgattung ausmachen.
Das heißt jedoch nicht: Man kann einfach irgendwo aufhören und das Ganze dann "offenes Ende" nennen. Denn "offenes Ende" bedeutet nicht, dass es kein Ende gibt. Es gibt sehr wohl eines – die Geschichte verfolgt einen Bogen und der wird bis zum Schluss gespannt und reißt nicht einfach ab. In meinen Augen funktionieren die wenigsten Geschichten als solche, wenn sie einfach nur Szenen sind. Die Fragen, die gestellt werden, müssen zwar nicht umfänglich beantwortet werden, aber die Geschichte sollte durchaus eines oder auch mehrere Angebote machen, wie ihre Auflösung lauten könnte. Es sollte sich eine Richtung andeuten, in die eine Fortschreibung der Handlung gedacht werden könnte. Und die muss man dann auch nicht mehr bis Detail auserzählen. Also: weniger ist mehr – aber weniger bedeutet auch nicht "nichts". (Mehr zu Enden auch hier: https://www.kornelia-schmid.de/post/und-dann-ist-die-geschichte-aus-enden-schreiben.)
Bilder erzeugen
Dieser Punkt gilt natürlich für andere Textformen ganz genauso. Bei kürzeren Formen aber umso mehr, denn sie bleiben tendenziell weniger im Gedächtnis als ein Buch, mit dem man viele gemeinsame Stunden verbracht hat. Als Autor:in steuert man dem entgegen, indem man starke Bilder erzeugt, die bei den Leser:innen hängen bleiben. Dann kann eine Kurzgeschichte auch mit längeren Formen konkurrieren.
Und wie geht das? Bildhaft zu schreiben – dafür gibt es leider kein einfaches Patentrezept. Es ist eine Kunst für sich. Was mir jedoch hilft: Ich überlege mir für jede meiner Geschichten maximal drei Farben (Weiß, Grau oder Schwarz zählen dazu), die ich besonders betone. Natürlich ist das auch abhängig vom Genre: humoristische Geschichten dürfen auch mal bunter sein. "Goldlichtrisse" aus meiner gleichnamigen Kurzgeschichtensammlung ist hauptsächlich gold (Überraschung), grün und ein bisschen hellblau. "Kristallstarre" ist dunkelblau, rot und etwas lila. Wenn Objekte beschrieben werden, dann passen die bei mir normalerweise in mein definiertes Farbschema.
Neben visuellen Eindrücken ist es auch sinnvoll, andere Sinne miteinzubeziehen. Geräusche und Gerüche zu erwähnen, erzeugt Stimmung und ermöglicht es den Leser:innen, tiefer in die Geschichte einzusteigen. Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass gerne vergessen wird, dass sich Wahrnehmung eben nicht nur auf das beschränkt, was wir sehen. Wie riecht eigentlich ein Wald? Wie fühlen sich Regentropfen auf der Haut an? Wie klingt Wind, wenn man auf einer Wiese steht? (Mehr zu Naturbeschreibungen hier: https://www.kornelia-schmid.de/post/wie-beschreibt-man-natur.)
Und wer die hohe Kunst der Metaphern beherrscht, tobe sich in der Kurzgeschichte beherzt aus. Eindrücke zusammenzubringen und dadurch Interpretationsräume zu eröffnen, ist sicher die Meisterklasse.
Zusammenfassung
Überlegt euch ganz genau, wie viel auf die vorgebene Zeichenzahl überhaupt erzählbar ist. Schaut dazu in Texte, die ihr schon geschrieben habt und lasst euch anzeigen, wie viel Platz beispielsweise die Einführung einer Figur, die Beschreibung eines Schauplatzes oder ein Dialog benötigt.
Wenn ihr euer Konzept entwickelt, beschränkt euch auf ein Kernelement: Geht es um eine bestimmte Erkenntnis für eine Figur? Um eine rasante Handlung? Um eine komische Situation? Ist der Text ein sprachliches Experiment? Versucht nicht viel auf einmal, sondern schränkt euch ein und arbeitet euer Thema gezielt aus.
Wählt ein interessantes Setting. Ungewöhnliche Schauplätze können einer Geschichte eine ganz neue Dimension oder einen originellen Twist bescheren. Insbesondere wenn ihr die Geschichte bei einem Wettbewerb einreichen wollt, ist das für den Erfolg sehr hilfreich.
Nehmt die Kürze des Textes nicht als Entschuldigung, zu wenig zu recherchieren. Auch Kurzgeschichten sollten fundiert sein. Der Vorteil von ausführlicher Recherche ist, dass sie euch womöglich auch neue Ideen beschert, die euren Text origineller machen.
Findet einen passenden Einstieg und ein passendes Ende. Es muss und sollte nicht immer alles auserzählt werden, aber die Geschichte muss dennoch rund sein – auch dann, wenn das Ende offenbleibt.
Nutzt Bilder, um atmosphärisch und zwischen den Zeilen zu erzählen. So wirkt ein Kurztext eindringlicher und bleibt trotz geringer Zeichenzahl lang im Gedächtnis.
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