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Magische Hirsche – Weiße Tiere in der Fantasy

Eigentlich sind Albinos selten, in Fantasybüchern treten solche Tiere bemerkenswert häufig auf. Während in der Realität die weiße Farbe jedoch ein Nachtteil für die Tiere ist, ist sie in der Fantasy eine Auszeichnung. Und das hat Tradition: das Motiv weißer Tiere gab es schon im Mittelalter und früher.


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Bild KI-generiert

Das Bild zeigt einen weißen Hirsch – sozusagen der Klassiker der weißen Wundertiere. Der Hirsch ist eigentlich schon an sich ein bisschen magisch (ihr wisst schon: König des Waldes und so) und dann auch noch weiß – am magischsten von magisch!


Zaubertiere der keltischen Mythologie


In der keltischen Mythologie sind weiße Tiere ein wiederkehrendes Motiv – sie galten als Zaubertiere, die aus der Anderswelt, dem keltischen Jenseits, stammen. Viele von ihnen tauchen beispielsweise im "Mabinogion", einer Sammlung walisischer Mythen aus dem 11. bis 13. Jahrhundert (so genau weiß man es nicht) auf.


In der Erzählung "Geraint ab Erbin" wird von der Hofgesellschaft ein weißer Hirsch gejagt, was den Helden dann in die Anderswelt führt (Achtung, das kommt später noch einmal). Also: Erscheint ein weißes Tier, wird der Übergang in eine andere Welt auf einmal möglich. Der weiße Hirsch öffnet literarisch die Pforte, wenn man so will. Er ist sozusagen Bote aus dem Jenseits.


In "Pwyll Pendefig Dyfed" stößt der Held auf eine fremde Hundemeute. Diese Hunde sind auffällig weiß und begleiten den König der Anderswelt. Wir merken also: Weiße Tiere stammen auch hier aus eine magischen Sphäre und gehören zu einem magischen Wesen. (Wenn euch demnächst mal ein Spaziergänger mit einem strahlend weißen Hund begegnet, dann Achtung, vielleicht ist das der Herrscher der Anderswelt!)


Dann wären da noch weiße Eber. In "Manawydan fab Llŷr" ist es kein Hirsch, der gejagt wird, sondern ein weißes Wildschwein. Das Tier lockt die Helden tief in den Wald zu einer magischen Festung. Hier folglich ebenfalls: Weiße Tiere, die Menschen in die Anderswelt führen.


Weiße Tiere sind also immer irgendwie magisch und sie haben immer etwas mit einem Übetritt in eine andere Welt zu tun (in diesem Fall die Feenwelt). In der mittelhochdeutschen Literatur, die von keltischen Erzählungen vielfach inspiriert ist, nehmen weiße Tiere ebenfalls genau diese Funktion ein. Dazu gleich mehr.


Weiße Tiere in der mittelalterlichen Literatur


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Die mittelhochdeutsche Roman "Erec" Hartmanns von Aue handelt von einem Ritter der Tafelrunde, der verschiedene Abenteuer besteht. Der Roman beginnt damit, dass König Artus einen weißen Hirsch jagt. Klar, eine sagenumwobene Figur wie Artus kann ja nicht einfach irgendeinen Hirsch jagen. Es muss schon ein außergewöhnlicher sein, also ein weißer! Wir erfahren so, welche herausragende Rolle die Artusgesellschaft hat. Die jagt nicht mal normale Hirsche.


Übrigens könnt ihr hier die Geschichte "Geraint ab Erbin" wiedererkennen. Wie genau diese Erzählung aus dem "Mabinogion" mit dem "Erec" bzw. der unmittelbaren altfranzösischen Vorlage des "Erec et Enide" zusammenhängt, ist in der Forschung nicht abschließend geklärt. Vielleicht gab es eine frühere Quelle von der sich beide Autoren (des walisischen und des altfranzösischen Textes) bedient haben oder aber der altfranzösische Text war die Vorlage des walisischen und wurde mit keltischen Stoffen gemixt.


Tristan und Isolde Literatur des Mittelalters mittelalterlich mittelhochdeutsch ältere deutsche Literatur Mediaevistik

Aber zurück zur mittelhochdeutschen Literatur. Im "Tristan" Gottfrieds von Straßburg verfolgt die höfische Jagdgesellschaft ebenfalls einen weißen Hirsch. Dieser führt sie dann zu der Zaubergrotte, in der sich Tristan und Isolde verbergen. Das ist eigentlich logisch: Allein hätte die höfische Gesellschaft die magische Grotte gar nicht finden können. Sie brauchte dafür erst ein magisches Tier, das gewissermaßen aus dieser Zauberwelt stammt. Inzwischen kennt ihr das Spielchen ja allmählich: Der weiße Hirsch ist die Eintrittskarte in die magische Sphäre.


Es gibt noch andere Beispiele für weiße Tiere und manchmal sind die Zaubertiere, die aus der Feenwelt stammen, auch gar nicht weiß, sondern durch andere Merkmale als magisch erkennbar. Aber wenn ein besonderes weißes Tier vorkommt, dann sollten bei Leser:innen auf jeden Fall die Alarmglocken klingeln.


Weiße Tiere in anderen Mythologien


Weiße Tiere waren aber nicht nur in der Literatur mit keltischem Hintergrund etwas Besonderes. Das Motiv des herausragenden weißen Tieres gibt es in vielen Kulturkreisen. In Nordamerika waren es weiße Büffel, in China findet man die weiße Schlange, in Japan zusätzlich weiße Kraniche und Füchse, in Indien weiße Elefanten und auch in der griechischen Mythologie kennt man Zeus als weißen Stier. Gemeinsam ist diesen Tieren immer, dass sie etwas mit Göttern, Heiligkeit und Jenseits zu tun haben, auch wenn die genaue Interpretation natürlich immer ein bisschen anders ausfällt. Das ergibt natürlich komplett Sinn: Albinos waren so selten, dass man ihr Erscheinen leicht als übernatürliches Zeichen deuten konnte. Und diese Idee hat es auch in die Literatur geschafft.


Hierzulande hat vor allem die keltische Variante Wurzeln geschlagen und lebt nicht nur über das Mittelalter hinaus, sondern sogar in hochaktueller Literatur weiter. Ich habe jedenfalls ein paar sehr bekannte Beispiele gefunden. Es waren tatsächlich alles Hirsche. Die sind nunmal der Archetyp des Motivs.


Weiße Tiere in moderner Fantasy-Literatur


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In J. R. R. Tolkiens "Der kleine Hobbit" tritt zuerst ein schwarzer Hirsch im Düsterwald auf, der von den Zwergen erschossen wird. Anschließend erscheint eine weiße Hirschkuh mit ihren Kitzen. Diese können die Pfeile der Zwerge nicht treffen – natürlich nicht, weiße Hirsche sind reine und magische Tiere! Wenig später kommen Bilbo und die Zwerge bei den Waldelfen an. Zuerst befinden sie sich also noch im düsteren, diesseitigen Wald und dann im magischen Elfenreich. Und der Wechsel funktioniert durch den weißen Toröffner. Die Hirsche sind hier also ganz klassische Botentiere, die den Übergang in die magische Welt markieren. Kein Wunder: Tolkien war Experte für keltische Sagen und hat derartige Motive zahlreich verwendet.


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In C. S. Lewis' "Die Chroniken von Narnia" begegnen wir einem weißen Hirsch und zwar in "Der König von Narnia". Die vier Protagonist:innen sind am Ende in Narnia als König:innen heimisch geworden. Eines Tages verfolgen sie auf der Jagd einen weißen Hirsch – und stoßen so auf die längst vergessene Laterne im Wald und dadurch auch auf den Übergang durch den Wandschrank zurück in ihrer eigene Welt. In den Erzählungen des Mittelalters war der weiße Hirsch die Eintrittskarte in die Zauberwelt. In "Narnia" ist es umgekehrt: Der Hirsch ist das Rückfahrticket in die Realität. Das Motiv als solches ist aber klar erkennbar: Es gibt wieder einmal eine Jagd und das magische, weiße Tier sorgt für den Übergang in eine andere Welt. Wieder ist der Hirsch Bote, kündigt den Übertritt an und ermöglicht ihn letztlich.


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Auch die fünfbändige Reihe "Drachenelfen" von Bernhard Hennen beginnt damit, dass die Elfe Nandalee einen weißen Hirsch jagt. Diese Jagd führt sie nicht in die Anderwelt – wie auch, als Elfe ist sie ja schon dort! Aber immerhin führt sie die Protagonistin in die Handlung, ähnlich wie bei der Jagd auf den weißen Hirsch im "Erec". Denn durch diese besondere Jagd verändert sich Nandalees Leben für immer. Und so steht das weiße Tier auch hier für einen Übergang in eine andere Welt. Das Tier markiert gewissermaßen die Schwelle, über die die Elfe treten muss, damit alles anders wird. Damit sie von einer einfachen Jägerin zu einer gefürchteten Drachenelfe wird. Das klassiche Motiv ist also immer noch erkennbar.


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Im Auftaktband des Elfenuniversums "Die Elfen" von Bernhard Hennen und James A. Sullivan haben wir das Motiv übrigens auch: Die berühmte Elfenjagd wird von weißen Wölfen begleitet. Es ist nur ein Detail, aber ähnlich wie schon im mittelalterlichen "Erec" betonen die weißen Tiere die herausragende Stellung des Elfenhofes: Keine Jagdhunde, sondern mächtige, magische, weiße Wölfe. Die Jagdgesellschaft eines menschlichen Königs hätte derartige Begleittiere kaum. Im Folgeband "Elfenwinter" werden weiße Gerfalken als Jagdgefährten der Elfen erwähnt (ebenfalls anstelle von Hunden). Auch hier gilt: Menschen würden kaum mit weißen Falken jagen. Der Roman betont dadurch das Besondere und das Magische des Elfenvolkes. Die Bücher zeigen, wie klassische Motive ganz beiläufig fürs Worldbuilding genutzt werden können. Nicht alle Leser:innen werden die tiefere Bedeutung bewusst wahrnehmen – unbewusst womöglich doch, weil solche Erzähltraditionen ja durchaus in unserer Kultur bekannt sind. Die Einbindung entsprechender Darstellungen ist eine gute Möglichkeit, derartiges kulturelles Wissen in Fantasyromanen zu nutzen: zur Stärkung der Atmosphäre und um zwischen den Zeilen zu erzählen.


Übrigens: Das zentrale Ereignis, das die Handlung in "Die Elfen" in Gang bringt, ist die Jagd auf einen magischen Eber. Dieser führt den menschlichen Protagonisten überhaupt erst in die Elfenwelt. Der Eber ist zwar nicht weiß, aber die Anspielung auf keltische Sagen bleibt trotzdem nicht verborgen.


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In George R. R. Martins "Das Lied von Eis und Feuer" (besser bekannt als "Game of Thrones") findet der weiße Hirsch ebenfalls seine Erwähnung. Im deutschen zweiten Band "Das Erbe von Winterfell" wird erwähnt, dass die Jagdgesellschaft um Robert Baratheon hinter einem weißen Hirsch her war. Diese Jagd scheitert – der Hirsch wurde bereits von Wölfen gerissen. Stattdessen wird nun ein Eber (hier bitte aufmerken, ebenfalls ein wichtiges Symboltier) gejagt, nämlich ebenjener Keiler, der Robert schließlich tötet und so überhaupt erst die verhängnisvollen Ereignisse in Gang bringt.


Wir haben also: Ein weißes Tier als Katalysator der entscheidenden Handlung. Wir haben auch: Eine Paralelle zwischen Robert und König Artus aus der mittelalterlichen Literatur. Aber Robert ist definitiv nicht Artus, höchstens eine Parodie von ihm. Denn Robert ist kein perfekter König, sondern ein gelangweilter und impulsiver Trinker. Wenn selbst Artus den weißen Hirsch nicht erlegen kann, dann kann Robert nicht einmal ansatzweise in seine Nähe kommen, kann nichts vom Glanz des Wundertieres abgekommen. Und überhaupt: Diese Stelle steht auch sinnbildlich für Roberts schlechten Charakter. Denn Sansa erwähnt eine Geschichte, in der es heißt, dass wahre Ritter einen weißen Hirsch gar nicht töten würden (was ja genau das ist, was Robert vorhat). Nun, Robert ist folglich kein wahrer Ritter im Sinne einer edlen, moralisch tadellosen Geisteshaltung. In "Das Lied von Eis und Feuer" wird das Motiv also einerseits zur Charakterzeichnung genutzt und andererseits, um einen Kontrast zu den mittelalterlichen Erzählungen zu bilden, in denen die höfische Welt noch glanzvoll ist. In "Das Lied von Eis und Feuer" ist sie stattdessen schmutzig und verdorben.


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In "Harry Potter" von J. K. Rowling kommt ebenfalls ein weißer Hirsch vor. Keine High Fantasy diesmal und auch kein typisches Jagdmotiv. Deshalb ist dieser Text vielleicht auch nicht der erste, an den man in diesem Zusammenhang denkt. Allerdings: Harry erzeugt mithilfe eines Zaubers einen sogenannten Patronus, der die Gestalt eines weißen Hirsches hat. Man muss wissen: Ein Patronus dient als Schutz vor den unheimlichen, menschenaussaugenden Dementoren und wird aus positiven Emotionen geschaffen. Welche Gestalt der Patronus hat, ist immer anders. Bei Harry ist es deshalb ein Hirsch, weil sein Vater ein Animagus war, also ein Zauberer, der sich regelmäßig in ein bestimmtes Tier verwandelt hat. Und das war – ihn ahnt es – natürlich der Hirsch. Nun ist es so, dass Harrys Vater ermordet wurde, als Harry noch ein Baby war. Der weißleuchtende Hirsch, Harrys Patronus, steht für den verstorbenen Vater und dient dadurch entsprechend also ebenfalls als Bote aus dem Jenseits, der eine Verbindung zwischen Harry und dem Toten herstellt. Das Motiv wurde hier also abgewandelt, aber im Kern ist es durchaus erkennbar.


Weiße Tiere als Signal


Merke: Taucht ein auffällig weißes Tier in einem Fantasyroman auf, ist das selten Zufall. Fast immer steckt eine tiefere Bedeutung oder Symbolik dahinter. Und manchmal sind die Anspielungen auf die bekannten Mythen unseres Kulturkreises (nämlich die keltischen Sagen) sogar sehr deutlich. Insbesondere weiße Hirsche stehen für Magie und sind Boten aus der Anderswelt, dem Jenseits, einer Paralellwelt oder anderen magischen Sphären.


Natürlich gilt das nicht nur für Literatur. Ganz bestimmt habt ihr auch schon in Filmen, Serien oder Games weiße Tiere entdeckt. Ein berühmtes Beispiel ist das "Game of Thrones"-Prequel "House of the Dragon": Auch hier gibt es wieder eine Jagd auf einen weißen Hirsch. Der Hirsch wird symbolisch zunächst dem vermeintlichen Thronerben Aegon zugeschrieben. Nur bekommen Aegons Anhänger den Hirsch nie zu Gesicht. Stattdessen erscheint er der wahren Erbin Rhaenyra. Das ist eine Darstellung, wie sie auch in mittelalterlicher Literatur hätte vorkommen können (vielleicht mal abgesehen davon, dass Rhaenyra eine Frau ist). Die Buchvorlage enthält diese Passage jedoch nicht.


In diesem Sinne: Macht euch auf und achtet auf die weißen Tiere im Fantasygenre. Ich bin sicher, ihr findet noch viele Beispiele.



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