Die Autorin kann nix! – Zum Umgang mit negativen Rezensionen
- Kornelia Schmid

- 9. Juni
- 8 Min. Lesezeit
Veröffentlichen bedeutet, den eigenen Text einer Öffentlichkeit zu präsentieren. Diese Öffentlichkeit ist nicht immer fair – vor allem nicht im digitalen Zeitalter, wo jede:r seine Meinung schnell und unkompliziert überall posten kann. Für Autor:innen bedeutet das natürlich: Es gibt Feedback. Und das ist nicht immer positiv. Das kann es auch gar nicht sein. Was Autor:innen aus Rezensionen ziehen können und was nicht, erkläre ich in diesem Artikel.

Die Position der Kritiker:in ist eine Position der Macht. Es ist nämlich super bequem, von oben herab zu meckern, ohne jemals in Verlegenheit zu kommen, es besser machen zu müssen. Und wenn man beim Meckern auch noch anonym ist, meckert es sich umso besser: Es hat ja schließlich keine Konsequenzen. Es ist genau dieses Machtgefälle, das negative Rezensionen für Autor:innen so ärgerlich macht – denn natürlich fühlen sie sich allzu schnell ungerecht an. Wahrscheinlich sind sie das oftmals auch. Dagegen lässt sich kaum etwas unternehmen. Meinungsäußerungen sind erlaubt – auch dann, wenn sie dämlich, faktenfremd und unfair sind. Das einzige, was Autor:innen tun können, ist ihre eigene Haltung dazu zu überdenken.
Rezensionen sind KEIN wertvolles Feedback
Dass sie es wären, ist eine Aussage, die ich häufig in Autor:innenkreisen höre oder lese. Dahinter steckt eine in meinen Augen vollkommen falsche Einstellung bezüglich Sinn und Nutzen von Rezensionen. Denn Rezensionen richten sich überhaupt nicht an Autor:innen. Sie richten sich an potenzielle Leser:innen. Sie dienen nicht dazu, Autor:innen bei ihrer Entwicklung zu helfen. Sie dienen dazu, potenziellen Leser:innen die Kaufentscheidung zu erleichtern. Macht euch deswegen bewusst: Die Autor:in ist nicht das Ziel einer Rezension! Richtet sich die Rezension tatsächlich an die Autor:in, läuft etwas falsch und man sollte die entsprechende Bewertung dann auch auf gar keinen Fall ernstnehmen.
Wertvolles Feedback erhaltet ihr von qualifizierten Testleser:innen, in Schreibseminaren, im Austausch mit Kolleg:innen und vor allem natürlich von Expert:innen aus dem Lektorat. Wer das Gefühl hat, Feedback für die eigene Schreibentwicklung zu brauchen, ist vielleicht auch noch gar nicht an dem Punkt angelangt, an dem man veröffentlichen sollte. Wenn es euch also um Feedback geht: Besorgt euch das unbedingt vor der Veröffentlichung und nicht erst danach. Bedenkt dabei auch: Leser:innen haben keine Nachsicht mit euch und sie geben euch auch keine zweite Chance. Sie wollen ein Produkt erwerben, dass ihren individuellen Qualitätsstandards entspricht. Nicht mehr und nicht weniger. Also veröffentlicht erst dann, wenn ihr euch bei der Qualität eures Produkts auch sicher seid.
Nachdem dieses Missverständnis ausgeräumt ist, nun aber zu den Hintergründen, die es im Zusammenhang mit Rezensionen zu bedenken gilt.
Eine Frage der Expertise
Für Schreiben gilt das, was für viele künstlerische Bereiche gilt: Die Hürde, selbst tätig zu werden, ist niedrig. Ebenso die Hürde, mitzureden. Denn jede Person, die lesen kann, kann ja wohl auch etwas zu einem Text sagen, oder? Das lernen wir schließlich schon in der Schule.
Die meisten Autor:innen wissen allerdings: Schreiben ist ein komplexes Handwerk. Einen professionellen Text schüttelt man sich nicht eben aus dem Ärmel. Und die ersten schriftstellerischen Gehversuche sind selten veröffentlichungsreif. Es braucht viel Zeit und viel Scheitern, um Schreiben auf einem bestimmten Niveau zu erlernen. Das ist aber selten das, was die Öffentlichkeit wahrnimmt. Denn die Story, dass eine unbekannte Autorin auf einer Zugfahrt plötzlich einen Geistblitz hat, ihre geniale Idee mit Bestsellerpotenzial zu Papier bringt, von fast allen Verlagen verkannt wird und dann eben doch einen Welterfolg landet, ist viel besser! Dass diese Autorin davor schon über zwanzig Jahre Schreiberfahrung hatte und das besagte Manuskript keinesfalls ihr erstes war, wird gerne mal ausgeblendet.
Und genau diese Haltung schlägt sich auch bei Buchrezensionen nieder: Die allerwenigsten Personen haben sich tatsächlich tiefergehend mit Literatur beschäftigt oder auch nur ein Bewusstsein dafür entwickelt, wie eine tiefergehende Beschäftigung überhaupt aussehen könnte. Viele blicken nicht über den Tellerrand des bevorzugten Genres und der dazugehörigen Konventionen, so starr sie auch sind, hinaus. Trotzdem reden sie gerne und lautstark mit. Manchmal sogar mit vermeintlich schlauen Begriffen: Ich habe es beispielsweise schon erlebt, dass Leser:innen versuchen, mir als Literaturwissenschaftlerin vehemment zu erklären, wie die Umsetzung von "Tropes" funktioniert, ohne dabei ansatzweise verstanden zu haben, was Tropes überhaupt sind, wie spezifische Tropes funktionieren und welche Funktion sie in Texten einnehmen. Ja nun. Würden dieselben Leute auch mit Elektrikern über die richtige Art der Verkabelung diskutieren? Ich weiß es nicht. Vielleicht. Aber mir scheint, die Einsicht der eigenen Unkenntnis ist bei praktischeren Angelegenheiten als Literatur verbreiteter.
Veröffentlicht ihr also eure Texte, werdet ihr es ganz sicher erleben, dass Laien euch die erlernte Expertise absprechen und euch erklären, wie euer Text denn besser geworden wäre. Ja, das ist ärgerlich. Und deswegen solltet ihr darauf wirklich überhaupt nichts geben! Denn liest man solche Bewertungen, ist schnell klar: Da steckt nichts dahinter, es gibt keine echte Textarbeit, keine Reflexion, keine Kontextualisierung. Das sind Leute, die würden auch bei Kafka oder Rilke von einem "holprigen Schreibstil" sprechen. Einfach deswegen, weil sie vom Schreiben schlicht keine Ahnung haben. Also nehmt euch das nicht zu Herzen. Diese Art von Kritik ist nichts wert.
Falls es euch tröstet: Fragt eure studierte Coverdesigner:in, wie oft ihr schon von Laien erklärt wurde, wie sie ihre Gestaltung zu machen hat und warum etwas gut aussieht oder eben nicht. Ich wette darauf, sie kann davon ein Lied singen. Denn das ist genau dasselbe.
Die richtige Zielgruppe finden
Aber was bedeutet das nun, wenn extrem viele Leute schreiben: "War nicht mein Fall"? Wenn das die vorherrschende Meinung ist – ist eurer Buch dann nicht vielleicht doch schlecht? Nun, es ist sehr gut möglich, dass gar nicht euer Text das Problem ist. Sondern eure Vermarktungsstrategie. Vielleicht locken Cover und Klappentext die falsche Zielgruppe an!
Wer auf Spannungsliteratur fixiert ist, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Freude an experimenteller Lyrik haben. Oder anders gesagt: Wer Young-Adult-Romantasy mit Spice liest, liest vermutlich nicht multiperspektivische Grimdark-Fantasy für Erwachsene. Womöglich steht aber auf beiden Büchern "Fantasy" auf dem Buchdeckel. Und genau hier liegt das Problem. Lockt euer Buch die falschen Leute an, ist Enttäuschung vorprogrammiert und es hagelt schlechte Bewertungen!
Bei meiner Trilogie waren deshalb Klassiker: "Es sind zu viele Perspektiven", "Der Text erklärt zu wenig", "Die Figuren sind mir nicht sympathisch". Na klar, ich hatte beim Schreiben auf "Game-of-Thrones"-Leser:innen gezielt, die viele Perspektiven und zig Namen am Anfang gewöhnt sind und die gerne moralisch graue Charaktere mögen. Obendrein sollte sich mein Roman an Leute richten, die gerne zwischen den Zeilen lesen und eigene Interpretationen entwickeln, statt bestimmte Lesarten vorgegeben zu bekommen. Der Schuss ging während des Romantasy-Booms nach hinten los. Denn die typischen Fantasy-Leser:innen dieser Zeit sind/waren eben deutlich leichter zugängliche Texte mit vergleichsweise strengen Erzählkonventionen gewöhnt. Nichtsdestotrotz: Passende Leser:innen haben die Bücher letztlich trotzdem gefunden.
Das bedeutet natürlich: Es gibt kein Buch, das allen Leser:innen gefallen kann! Geschmäcker sind verschieden und selbst die allertollsten, mit zig Preisen überhäuften Bücher stoßen auf nicht wenige Leute, die absolut nichts mit ihnen anfangen können. Wenn ihr also eure erste Negativrezension bekommt, denkt euch einfach: Schlechte Bewertungen sind letztlich nur ein Zeichen dafür, dass ihr überhaupt gelesen werdet! Solange ihr gleichzeitig auch positive bekommt, ist alles in Ordnung. Übrigens: Die mittelmäßigen sind auch in Ordnung. Das ist meistens einfach eine Geschmacksfrage. Ihr müsst auch bedenken: Wie viele Sterne eine Person letztlich vergibt, ist sehr individuell. Manche geben fast allem 5 und andere rücken 5 nur einmal im Jahrzehnt heraus. Der Text sagt also sehr viel mehr aus als die Sterne.
Nichts auf Vorurteile geben
"Selfpublishing-Bücher lese ich nicht, weil sie immer schlecht sind!" Dieses Klischee hält sich hartnäckig. Natürlich: Bei Selfpublishing-Büchern fehlt oft die Qualitätskontrolle, die Verlage bieten. Ebenfalls erfolgt oft auch kein professionelles Lektorat. Wenn die Autor:innen auf totaler Sparflamme unterwegs sind, gibt es noch ein furchtbares Cover obendrauf und einen Buchsatz, der sich nicht an die einfachsten Gestaltungsregeln hält. Will heißen: Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Buch aus dem Selbstverlag daneben zu greifen, ist sicherlich höher als bei Großverlagsbüchern. Der Frust mancher Leser:innen ist deshalb durchaus verständlich.
Leider schaden ihre Vorurteile aber all jenen Autor:innen, die sehr professionell arbeiten, sich aufgrund besserer Verdienst- und Gestaltungsmöglichkeiten bewusst fürs Selfpublishing entscheiden, oder aber, weil sie eine Thematik zu Papier gebracht haben, die eben nicht den Trends und Mainstream-Vorlieben des aktuellen Marktes entspricht. Mehr zum Thema Selfpublishing findet ihr übrigens in diesem Artikel: https://www.kornelia-schmid.de/post/warum-man-selfpublishing-machen-sollte.
Veröffentlicht man ein Buch im Selfpublishing, ist es gut möglich, dass Bewertungen hereinfliegen, die eben aus genau so einer Haltung heraus geschrieben wurden. Die Rezensent:in war bereits negativ voreingenommen und hat das Buch schlechter bewertet, als sie es wahrscheinlich bei einem Großverlagsbuch getan hätte. Auch das solltet ihr also im Hinterkopf haben, wenn ihr Selfpublisher:in oder auch Kleinverlagsautor:in seid.
Neulich erzählte ein Autorenbekannter von mir auf Instagram, dass seine Romane mit ihren ursprünglichen, wenig genrekonformen Covern gefloppt wären. Eine Bloggerin hatte das erste Buch zwar höflich und mit freundlichen Worten, aber eben doch negativ bewertet. Dieselbe Bloggerin las die Neuauflage mit den viel besser passenden, mit Goldschrift und Fantasymotiv aufgehübschten Covern und überschlug sich plötzlich vor Begeisterung – obwohl sich am Inhalt kein einziges Wort geändert hatte. Ihr seht: Voreingenommenheit kann extrem viel ausmachen.
... und dann sind da noch die Trolle
Rezensiert man ein aus dem Englischen übersetztes Großverlagsbuch, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Autor:in die entsprechende Bewertung jemals zu Gesicht bekommt und sich darum schert, extrem gering. Rezensiert man das Buch einer unbekannteren deutschsprachigen Selfpublisher:in, die sich weitaus schwerer tut, sich am Markt zu behaupten, und höchstwahrscheinlich insgesamt deutlich weniger Bewertungen hat, besteht eine nicht unerhebliche Chance, dass die Urheber:in des Werkes die Bewertung eben sehr wohl anschaut und sich darüber Gedanken macht.
Hat man das im Hinterkopf, wird auch schnell klar, warum es so verlockend ist, deutschsprachige Kleinverlags- oder Selfpublishing-Bücher schlecht zu bewerten: Man kann sich beinahe sicher sein, dass die Kugel, die man hier abfeuert, trifft.
Jede Person, die im Internet unterwegs ist, weiß: Es gibt diese Leute, die unter dem Deckmantel der Anonymität Gift und Säure spritzen, wo sie nur können. Und es gibt sie nicht einmal selten. Insofern ist es naheliegend, dass unter den Rezensent:innen auch ein paar solcher Trolle sind. Die sind in der Regel einfach zu erkennen: Ihre Texte sind kurz und unsachlich, ja, beleidigend.
Bekommt ihr also eine Rezension, in der der Tonfall schon spöttisch oder gar gehässig ist, dann nehmt die bloß nicht ernst. Wer bei einer Bewertung keinen sachlichen Ton auf die Reihe bekommt, hat auch keine sachlichen Argumente, sondern ein ganz anderes Interesse. Überhaupt: ein Veriss hat nichts mit einer seriösen Rezension zu tun. Denn auch, wenn das Buch nicht gefallen hat, schaffen es ernstzunehmende Kritiker:innen, professionell zu bleiben, faktenbasiert und spoilerfrei zu rezensieren. (In meinen Augen rechtfertigt übrigens auch ein bekannter Name mit großer Reichweite und eloquenter Äußerungsweise keinen beleidigenden Verriss.) Also lasst die Trolle trollen.
Wann man negative Rezensionen ernst nehmen sollte
Wird die Kritik sachlich vorgebracht und wiederholen sich bestimmte Punkte in Bewertungen von verschiedenen Leuten, solltet ihr darüber nachdenken, ob nicht doch etwas dran ist. Natürlich, hier gilt immer noch die Sache mit der Zielgruppe: Lesen den Roman durchweg die falschen Leute, dürfte bei der Kritik auch ein gewisser Konsens herrschen. Wird beispielsweise durchgehend der Mangel an Spice beklagt, ihr hattet jedoch nie vor, ein spicy Buch zu schreiben, dann solltet ihr vermutlich nicht den Text ändern, sondern die Marketingstrategie. Ändern solltet ihr ihn dann (bzw. die vorgebrachten Punkte bei eurem nächsten Projekt berücksichtigen), wenn die richtige Zielgruppe sich bei ihrer Kritik einig ist. Schreiben also Leute, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Zielgruppe gehören, allesamt beispielsweise "Ich konnte mit den Figuren nichts anfangen", "Mir war niemand sympathisch", "Ich habe die Handlungen des Protagonisten nicht verstanden" oder "Ich konnte mit den Charakteren nicht mitfiebern", dann dürft ihr davon ausgehen, dass euer Romanpersonal zu oberflächlich gestaltet ist und ihr hier mehr ausarbeiten und in die Tiefe gehen solltet. Solches Feedback ist durchaus wertvoll: Denn ich gehe mal davon aus, dass jede Autor:in, die veröffentlicht, letztlich gelesen werden möchte. Und das klappt eben nur, wenn die passenden Leser:innen die Bücher auch lesen wollen, sie also für die richtige Zielgruppe funktionieren.
Zusammengefasst heißt das: Prüft als erstes immer euer Marketing und achtet auf Wiederholungen. Wenn ihr Kritiken habt, die alle auf unterschiedliche Dinge abzielen und manche loben das, was andere hassen – nun, das ist dann vermutlich einfach individueller Geschmack. Wenn es ein Kernthema gibt, das sich vielfach wiederholt, dann schaut hier genauer hin und prüft, ob es tatsächlich Verbesserungspotenzial gibt. Wenn ihr Belehrungen, Unterstellungen und Verrisse bekommt, dann druckt euch die auf Klopapier und wischt euch damit den Allerwertesten aus. Denn dann hatten sie wenigstens noch irgendeinen Nutzen.
Suchst du eine Lektorin für deinen Roman? Schau gerne auf meiner Seite vorbei:





Kommentare