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Den Hieb pariert. Oder: Wie man gute Kämpfe schreibt

Aktualisiert: vor 7 Tagen

Das Problem an Kampfszenen ist Folgendes: Meistens ist ihr Ausgang von vornherein klar und die Spannung schnell dahin. Leser:innen müssen sich dann durch irrelevante Beschreibungen quälen – oft werden die auch einfach überblättert. Es gibt aber ein paar Tricks, um trotzdem Spannung aufkommen zu lassen. Welche, lest ihr in meinem Artikel.


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Patei A haut hierhin. Partei B haut dahin. A pariert das und haut zurück. B weicht aus und haut zurück. A haut und landet einen Treffer. B beißt die Zähne zusammen und haut zurück. A pariert und haut zurück.


Das könnte noch ewig so weitergehen. Und in manchen Büchern tut es das auch. Ist das aber spannend? Sorgt es für Überraschungen? Bringt es die Handlung voran? In meinen Augen nicht.


Die Verlockung, Kampfszenen als bloße Beschreibungsszenen zu konzipieren, kennen sicherlich viele Autor:innen. Manche recherchieren ausführlich, betreiben vielleicht selbst Kampfsport und möchten ihre Erfahrungen möglichst detailgetreu weitergeben. Deswegen nennen sie ausdrücklich, wer wann welchen Fuß wo hinstellt. Das Positive daran: Recherche ist immer gut! Details sorgen dafür, dass man euch die Szene auch abnimmt und sie sich vorstellen kann. Die Kämpfe werden plausibel und bildhaft. Das Problem: Zu viele Details, die die eigentliche Handlung nicht voranbringen, bremsen die Spannung. Die wenigsten Leser:innen greifen zu einem Roman, um sachbuchgleich ein Thema dokumentiert zu bekommen. Sie wollen unterhalten werden. Und das natürlich auch – oder sogar vor allem – wenn sich die Figuren gegenseitig an die Gurgel gehen.


Also besser kein ausschließliches Hauen und Stechen. Wie kann man es anders machen?


Die Umgebung miteinbinden


In der Realität sind Kämpfe in der Regel ziemlich schnell vorbei. Endlose Schauduelle gibt es in Büchern und Filmen, sie sind meist jedoch wenig glaubhaft. Soll eine Kampfszene länger, aber dennoch überzeugend werden, kann es helfen, neue Vorraussetzungen zu schaffen.


Stehen sich die Kontrahenten nicht auf einem Kampfplatz, sondern auf einer gefrorenen Ebene gegenüber, sind plötzlich neue Fähigkeiten gefragt (Pen-&-Paper-Rollenspieler:innen können ein Lied davon singen – ich sage nur "Würfle auf Geschicklichkeit"). Wenn der Zufall mitreinspielt, wenn jeder ausrutschen könnte, ist der Ausgang eines Kampfes plötzlich ungewiss – auch dann, wenn eine der beiden Parteien eigentlich klar überlegen wäre.


Trübt der Regen die Sicht, verschluckt Nebel den Gegner, brennt Öl am Boden oder muss auf einer schaukelnden Brücke balanciert werden – all das bietet die Möglichkeit, die Szene mit mehr Bildern, mehr Atmosphäre anzureichern. Wie ihr in Texten Atmosphäre beschreibt, könnt ihr übrigens auch hier nachlesen: https://www.kornelia-schmid.de/post/wie-erzeugt-man-in-romanen-atmosphaere.


Kampfszenen können also durch eine interessante Umgebung profitieren. Und auch, wenn sich hartnäckig das Gerücht hält, über das Wetter zu schreiben, wäre langweilig: Hier ist es absolut sinnvoll! Denn das Wetter ist hier eben nicht nur Kulisse, sondern relevanter Konfliktfaktor. Und Konflikte bedeuten Spannung, denn sie stehen für Ungewissheit, offene Fragen und Bewegung. Mehr zu diesem Thema lest ihr übrigens auch hier: https://www.kornelia-schmid.de/post/spannung-in-romanen-erzeugen.


Der unerwartete Ausgang


Die Held:in gewinnt ja ohnehin, nicht wahr? Schließlich ist sie die Held:in. Ohne sie würde die Handlung nicht weitergehen. Also kann sie gar nicht verlieren.


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Nun, was wäre wenn doch? "Das Lied von Eis und Feuer" von George R. R. Martin sowie die dazugehörige Fernsehserie "Game of Thrones" hat eindrucksvoll mit dieser Technik gearbeitet. Während das Publikum davon ausging, dass die Protagonist:innen unantastbar wären (wie sie es in der Literatur bis dahin durchaus waren), starben sie im Buch und am Bildschirm. Das Erschrecken war groß. Und wenn plötzlich jeder Ausgang möglich ist, dann sind Kampfszenen auch wieder spannend.


Nun mag es natürlich nicht in jede Konzeption passen, die Protagonist:in sterben zu lassen. Aber kann sie nicht vielleicht trotzdem verlieren? Oder kann sie zwar gewinnen, dafür aber einen hohen Preis zahlen, der ihr Leben für immer verändert? Was wäre, wenn sie zwar gewinnt, dabei aber eine schwerwiegende Verletzung davonträgt, die sie für immer an den Rollstuhl fesselt und damit ihre Karriere an der Soldat:innenakademie ruiniert?


Leser:innen rechnen nicht mit dem schlechtmöglisten Ausgang. Sie wollen das Beste für die liebgewonnen Figuren. Deswegen ist es so aufwühlend, wenn stattdessen etwas Schlechtes eintritt. Es entsteht das Bedürfnis, eine Lösung aus der misslichen Lage zu finden. Und das wiederum sorgt dafür, dass die Leser:innen am Ball bleiben. Es sorgt für Spannung.


Und natürlich gilt das nicht nur für Kampfszenen: Ist die Fallhöhe hoch (das bedeutet, dass für Protagonist:innen besonders viel auf dem Spiel steht, dass sie alles verlieren können), macht das einen Text intensiver und damit spannender.


Der neu entstehende Konflikt


Nun, nehmen wir an, der schlechte Ausgang kommt für eure Szene nicht infrage, sondern eure Hauptfigur muss als Gewinner:in aus der Auseinandersetzung hervorgehen. Dann habt ihr dennoch die Möglichkeit, etwas geschehen zu lassen, mit dem niemand rechnen konnte. Das Rollstuhlbeispiel einen Absatz höher kann man sicher auch in diese Kategorie einordnen. Doch die unerwartete Wendung muss nicht unbedingt immer Gesundheit und Lebensentwurf der Protagonist:in beeinträchtigen. Sie könnte beispielsweise auch ihre Beziehungen auf die Probe stellen. Was wäre etwa, wenn sie die Gegenpartei zwar besiegt, diese dabei aber eine Information preisgibt, die nur eine nahestehende Person wissen kann? Plötzlich ist der Sieg bedeutungslos – denn die Protagonist:in muss sich stattdessen mit etwas viel Gewichtigerem auseinandersetzen, nämlich einem tiefgehenden Verrat, von dem sie bis zu diesem Moment nichts wusste. Die Kampfszene ist dann nur ein Mittel, um einen anderen Konflikt voranzutreiben. Und das kann wunderbar funktionieren.


Strategie anstelle von Kampf


Geht es nicht um einzelne Duelle, sondern um eine ganze Schlacht, kann man auch eine andere Herangehensweise wählen, nämlich die, sich mehr auf die Gesamtstrategie zu konzentrieren.


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Das habe ich beispielsweise in "Das Licht im Sand" getan. Natürlich erfährt man, welche Angriffe die einzelnen Figuren auf dem Schlachtfeld erdulden müssen, doch das ist eher knapp gehalten. Vielmehr geht es darum, wie man eine uneinnehmbare Wüstenstadt erobert. Denn das Gelände bietet keine Deckung, für eine Belagerung fehlen die Soldaten, die Versorgungslinien der angreifenden Partei sind nicht gesichert – schlechte Ausgangsbedingungen also. Der General hat aber ein paar Tricks auf Lager. Anstelle von Kampfbeschreibungen geht es in den Schlachtkapiteln also vielmehr darum, mit welchen Mitteln hier gearbeitet wird und ob diese funktionieren. Dazu ist natürlich ein wenig Wissen darüber notwendig, wie Militärstrategien funktionieren. Zur Recherche empfehle ich als erstes Sunzis "Die Kunst des Krieges". Ein erhellender Text, den es als Reclambüchlein zu kaufen gibt.


Der Vorteil ist sicher: Die Schlachtszene wird durch die Gesamtbetrachtung epischer. Auch, weil sich die Leser:innen vermutlich mit Militärstrategie nicht auskennen, sind die Geschehnisse für sie weniger erwartbar als Einzelkämpfe, wo es nur ums Hacken geht. Dieser Kniff dient im Prinzip der Erhöhung der Komplexität, was wiederum einen Mehrwert in der Schlachtszene schafft.


Kämpfe sollten nicht für sich stehen


Bei allen diesen Methoden geht es darum, Kämpfe nicht isoliert zu betrachten. Sie sollten nicht für sich stehen, sondern Informationen liefern, die über den eigentlichen Kampf hinausgehen und/oder Entwicklungen anstoßen, die das Kampfgeschehen überdecken. Und dann werden sie auch nicht mehr überblättert.


Deswegen habe ich die Frage "Wie schreibe ich gute Kämpfe?" in diesem Artikel eigentlich gar nicht richtig beantwortet. Dafür aber die viel wichtigere Frage, die manche Autor:innen sich (fatalerweise) gar nicht erst stellen. Nämlich: "Wie binde ich Kämpfe so in den Gesamtkontext eines Romans ein, dass sie spannend sind?" Darüber nachzudenken empfehle ich unbedingt, bevor es an die konkrete Ausarbeitung geht.


Und welche Sprache wählen?


Nun aber doch noch ein paar Worte zum Schreiben der konkreten Szene an sich.


Womöglich habt ihr gegoogelt, um auf diese Seite hier zu kommen. Womöglich habt ihr vorher auch anderswo Gedanken zu diesem Thema gelesen und seid auf die Empfehlung gestoßen, in Kampfszenen kurze, abgehackte Sätze zu verwenden. Denn das soll angeblich Tempo erzeugen.


Bitte tut das nicht! Dieser Tipp steht für eine schon beinahe skandalöse Vereinfachung des Schreibhandwerks. Natürlich steht fest: Damit eine actionreiche Szene spannend ist, muss sie sich flüssig lesen. Ob sich ein Text aber flüssig liest oder nicht, hat nichts mit der Satzlänge zu tun. Ein Text liest sich dann flüssig, wenn er prägnant und bildhaft geschrieben ist. Es sollte also nicht darum gehen, kurze Sätze zu verwenden, sondern darum, glatte, aussagekräftige Formulierungen zu finden statt Allgemeinplätze und schwammige Beschreibungen zu verwenden.


Schreibt also nicht:


Er holte mit dem Arm aus. Er sprang nach hinten. Er sprang wieder vor. Er hechtete zur Seite. Er wich der heranrasenden Klinge aus. Er duckte sich.


Ist nicht gut, oder? Trotz kurzer, abgehackter Sätze. Vielleicht liegt's daran, dass die Sätze alle gleich anfangen? Na gut, ich gebe euch ein anderes Beispiel:


Er holte kräftig mit dem Arm aus. Sein Herz klopfte schnell. Keuchend duckte er sich. Er wich der Klinge flink aus. Sein Gegner fixierte ihn bösartig.


Auch nicht wirklich gut, oder? Also, probieren wir etwas anderes:


Sein Herz pochte. Und auf einmal hörte er nichts anderes mehr als seinen Schlag. Er vibrierte durch seine Adern, stieg in seinen Kopf und schluckte alle Geräusche des Schlachtfelds. Das war der Rhtythmus, dem er folgte, während er der heranrasenden Klinge auswich.


Ist das für euch spannender? Ich hoffe ja. Denn dann wäre hiermit bewiesen, dass kurze Sätze ein Garant für absolut gar nichts sind. Was wirklich zählt, ist der Rhythmus eurer Sprache, die Bildhaftigkeit, der Fokus, den ihr setzt, die Blickführung. Vergesst diesen Kurze-Sätze-Tipp also bitte ganz schnell wieder. Und wenn ihr euch noch über andere, furchtbare Schreibtipps informieren wollt, lest gerne meinen Artikel dazu: https://www.kornelia-schmid.de/post/die-f%C3%BCnf-schlechtesten-schreibtipps-auf-einen-blick.


Wie ihr also eine Kampfszene schreiben solltet: Macht euch bewusst, unter welchem Stress eure Figur steht. Überlegt euch, wie sich dieser Stress körperlich äußert und beschreibt diese Reaktion. Beschreibt außerdem die Emotionen eurer Figur. Lasst die Leser:innen wissen, was auf dem Spiel steht. Überlegt euch, welche Sinneseindrücke eure Figur empfindet. Was riecht sie? (Wir dürfen davon ausgehen, dass es auf Schlachtfeldern stinkt.) Was sieht sie? Sieht sie überhaupt noch so viel? Oder hat sie vielleicht einen totalen Tunnelblick? Dann beschreibt genau diese Eineingung. Filtert die Eindrücke, die eure Protagonist:in wahrnimmt.


Vielleicht macht ihr tatsächlich mal Kampfsport. Oder anderen Sport, bei dem ihr euch verausgabt. Vielleicht erinnert ihr euch an eine Situation, in der ihr Angst hattet oder in der ihr enormem Stress ausgesetzt wart. Macht euch klar, wie ihr (also eure Psyche und euer Körper) in diesem Moment reagiert habt. Und genau das vermittelt ihr dann euren Leser:innen – und zwar in genau der Satzlänge, die ihr für richtig haltet.




Sucht ihr eine Lektorin für euren Roman? Schaut gerne auf meiner Seite vorbei:



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